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Die 1960er und 1970er auf dem Bauernhof

Über 15 Jahre lang sammelte und veröffentlichte Ulrike Siegel mit großem Erfolg die Geschichten von Bauernkindern. Nun hat sie ihre eigene aufgeschrieben.

1975 ist ihre Kindheit zu Ende. Sie erfährt, dass ihre erst 40 Jahre alte Mutter Krebs hat. Sieben Jahre später verstirbt diese. Die 1961 geborene Autorin erzählt ihre Kindheit und Jugend auf einem Bauernhof und Weinbaubetrieb bei Heilbronn in Baden-Württemberg. Diese ist nicht zuletzt wegen des Weinbaus sehr von Handarbeit geprägt. Freizeit gibt es kaum, ein Auto erst ab 1971 und den ersten Fernseher 1974. Die Autorin, die in den letzten Jahren zehn Bücher mit Geschichten aus und über die Landwirtschaft veröffentlicht hat, zeichnet viele idyllisch anmutende Bilder. Bilder von Natur, Freiheit, Rhythmus; sie verschweigt aber auch nicht die vielen, erst recht aus heutiger Sicht, ungewohnten Aspekte, etwa Kinderarbeit oder eine sehr früh schon einsetzende Verantwortung für ihre drei jüngeren Schwestern, die heute das Jugendamt auf den Plan rufen würde.
Schreiben kann Ulrike Siegel, das ist keine Frage: »Ein Auto brauchten wir nicht, denn wir hatten keine Zeit, es für Fahrten zu benutzen, die außerhalb des Radius lagen, den wir eh mit dem Traktor erreichen konnten«. Oder wie der Vater erst mehrmals seine Unterschrift auf der alten Zeitung übt, bevor er das Zeugnis der Tochter unterschreibt.

Ulrike Siegel schreibt seit Jahren über das Leben von Bauernkindern. In Stallschwalben erzählt sie über sich selbst.


Siegel erzählt, das ist auf jeder Seite zu spüren, gerne davon, wo sie herkommt. Sie will anhand ihres eigenen Lebens ein realistisches Bild der (historisch vergangenen) Landwirtschaft zeichnen, jenseits von Romantik und Verteufelung. Aber geht das? Siegel beschreibt zum Beispiel das allgegenwärtige Sparen, das fast noch an Naturalwirtschaft ohne Geld erinnert, wie es auf »ihrem« Hof in den 1960er noch gang und gäbe ist. Aber nervt dieses Sparen nicht auch, ist es nicht auch Enge und ein Mangel an Alternativen?
Siegel berichtet von einem Leben zwischen Tradition und Moderne, zwischen Kuhstall und Gymnasium. Sie erzählt vom Stolz auf die Schaffenskraft und Genügsamkeit der Eltern und von der vielen, nie endenden Mühe der Arbeit. Sie reflektiert auf eine sehr nahe gehende Weise über die Prägung einer Kindheit auf einem Bauernhof, die wohl mit keiner anderen vergleichbar ist.
Zumindest bei Angehörigen (nicht nur) der bäuerlichen Babyboomer-Generation und sowieso bei allen älteren dürften beim Lesen viele Bilder vor dem inneren Auge entstehen. Was aber können die sozial und ökologisch sensibilisierten Angehörigen der Generation von Fridays for Future damit heute anfangen? Ulrike Siegel macht mit ihrem berührenden Buch ein Gesprächsangebot. Dieses kann jetzt von den jüngeren aufgenommen werden. In den letzten Jahren hat sie viele Gespräche angeregt, sie dürfte seit 2002 mehrere hundert Vorträge und Veranstaltungen absolviert haben.

Mehr auf: http://bauerntoechter.de/

Ulrike Siegel: Stallschwalben. Autobiographisches aus dem Leben einer Bauerntochter; Landwirtschaftsverlag Münster 2019, 192 Seiten, 14 EUR