#GraphicNovel: Madgermanes – wütende Deutsche

Titelbild der Graphic Novel "Madgermanes".

Titelbild der Graphic Novel „Madgermanes“.

Die Erinnerung irrt als Gespenst durch Birgit Weyhes Graphic Novel „Madgermanes“. Drei Vertragsarbeiter der DDR aus Mosambik entsinnen sich, lassen die Geschichte Revue passieren. Leicht fällt José, Basilio und Anabella das nicht. Denn die versprochene Zukunft in der Fremde, hatte nichts mit einem Paradies zu tun. Die Nachwehen des Fortgehens und Wiederkommens spüren sie noch heute. José und Basilios Verträge wurden nach der Wende gekündigt, die Rückreise in das vom Krieg gebeutelte Mosambik war die unumgängliche Konsequenz.

Birgit Weyhe ist Comiczeichnerin und Illustratorin, heute lebt sie in Hamburg.

Birgit Weyhe ist Comiczeichnerin und Illustratorin, heute lebt sie in Hamburg.

Weder hier noch dort zuhause

Das einst Vertraute avanciert zur neuen Fremde. Sie wurden als Drückeberger bezeichnet, weil sie nicht als Kämpfer in den Krieg zogen, Verwandte verstarben, die Erfahrungen waren nicht teilbar. Vor der Heimkehr trösteten sich die Männer mit der Aussicht auf einen bescheidenen Wohlstand in der Heimat – die Hälfte ihres erarbeiteten Lohns sollte ihnen erst in der Heimat ausgezahlt werden. Doch in Mosambik ist keine Rede mehr davon. Die DDR hat ihnen nichts außer Sehnsucht auf ein besseres Leben gebracht. Anabella kämpfte sich mit viel Tränen, Mühe und etwas Glück durch ein Studium der Medizin. In der Bundesrepublik fand sie dennoch keine neue Heimat.

Die Wende brachte den Vertragsarbeitern sofortoge Kündigungen und den Flug zurück in die Heimat.

Die Wende brachte den Vertragsarbeitern sofortige Kündigungen und den Flug zurück in die Heimat.

Die Comiczeichnerin Birgit Weyhe stellt die fiktiven Biografien der Protagonisten in schwarz-weiß-gold dar, packend und einfühlsam. Nicht ohne Grund gewann „Madgermanes“ den diesjährigen „Max und Moritz“-Preis für den besten deutschen Comic. Wie schon in ihrem Band „Im Himmel ist Jahrmarkt“ führt Weyhe die eigene Biografie auf die Recherche zu den Vertragsarbeitern. Die Hamburgerin ist zwar in München geboren, verbrachte aber einen Teil ihrer Kindheit in Uganda. Während einer späteren Reise nach Mosambik kommt sie auf dem Markt mit einer Händlerin ins Gespräch – auf Deutsch. Die Mosambikanerin lebte neun Jahre in Thüringen.

Zwischen den Welten, viele waren weder in der DDR zu Hause noch später in ihrer alten Heimat.

Zwischen den Welten, viele waren weder in der DDR zu Hause noch später in ihrer alten Heimat.

Madgermanes – Bittere Erinnerungen an Deutschland

Die Lebensgeschichten unterlegt Weyhe mit detailgetreu gezeichneten Erinnerungsstücken. Ob Postkarten, Zündholzschachteln oder Werbeplakate aus der DDR – die Illustrationen schicken den Leser auf Reisen und ziehen scharfe Kontraste zu unsichtbaren, aber spürbaren Mauern auf. Während die DDR-Bürger sich mit ihrem Vaterland identifizierten, bekamen José, Anabella und Basilio ihren temporären Platz zugewiesen: 15 Quadratmeter im Wohnheim, zwei Betten, eine kleine Kommode, ein Doppelspind, ein Tisch, zwei Stühle, vier Handtücher. Kontakte zu den sozialistischen Brüdern und Schwestern waren unerwünscht, zum anderen Geschlecht auch – Männer und Frauen lebten getrennt. Wer schwanger wurde, musste zurück. Die Hoffnung auf eine gute Ausbildung und ein Studium starb bei der Mehrheit schon mit dem ersten Arbeitstag in den Fabriken: Einfache Hilfsarbeiten in Schlachthöfen und Produktionsstätten waren vorgesehen. Ausgezahlt hat sich das nicht. Ein Großteil des Lohns behielt die DDR ein, die Arbeiter würden es später in Mosambik ausgezahlt bekommen, hieß es. Noch heute warten die Menschen auf ihr Geld.

José kam im Winter in Berlin an.

José kam im Winter in Berlin an.

Von brüderlicher und schwesterlicher Unterstützung keine Spur: Weyhes Graphic Novel deckt die raffgierige und menschenverachtende Seite des Sozialismus auf. Eine nicht enden wollende Reise auf der Suche nach Heimat. Unfassbar traurig und höchstgradig fesselnd.

Birgit Weyhe liest am Samstag, 10. September, im Rahmen des Festivals „Neun Jahre Golden Shop“  ab 20 Uhr in der Friese, Friesenstraße 124, aus „Madgermanes“. Im Anschluss spielen drei Bands: Datashock (Saarlouis), Günter Schlienz (Stuttgart) und Cian Nugent (Dublin).

Text: Annica Müllenberg

Foto: avant-verlag, Porträt von Sabine Reinecke