#Buchtipp: ‚Beziehungsstatus kompliziert‘ im Rezensions-Duell

Getestet: Der Beziehungsratgeber von Nina Deißler "Beziehungsstatus: Kompliziert"

Getestet: Der Beziehungsratgeber von Nina Deißler „Beziehungsstatus: Kompliziert“. Foto: Janina Weinhold

Über Beziehungen wissen wir gefühlt alles und kommen doch (Singles und Paare) an den Punkt, an dem ein paar dicke Fragezeichen auf der Stirn prangen. Nina Deißler, bekannt als Deutschlands Date-Doktorin, sprich Partnerschaftsberaterin und Coach seit 1999, hat noch einen Ratgeber mit dem Titel “Beziehungsstatus: Kompliziert. Die absolute Wahrheit über Männer, Frauen, Sex und Liebe“, verfasst. Bernd und Janina aus der Glucke-Redaktion haben das neue Buch von Nina Deißler als Jury testgelesen. Ihre Eindrücke gibt’s per „Er meint“ – „Sie meint“-Schlagabtausch. Wir wünschen viel Vergnügen und hoffentlich viele Erkenntnisse!

Die Flirt- und Datingtipps

Er meint:

Deißler geht zutreffend davon aus, dass die Menschen heute in der Arbeitswelt so auf Leistung, Effizienz und Kontrolle ihres Verhaltens getrimmt sind, dass vielen diese Alltagsstrategien bei der Suche nach einem Partner oder Partnerin und erst recht beim Verlieben in die Quere kommt. Deswegen wirken viele beim ersten Date so verkrampft. Bei Männern wie Frauen. Denn: Verlieben hat im Gegenteil viel mit Kontrollverlust zu tun.

Die Schemata zum Flirtverhalten kann man richtig finden, oder falsch, weil sie normierend wirken. Oder auch einfach ignorieren. Who knows?

Sie meint:

Mit Kichern, Stirnrunzeln oder leichtem Ärger habe ich mich durch die Flirt- und Datingtipps von Autorin Nina Deißler gelesen. Sie betont mehrfach „ich übertreibe“. Genau das tut sie und trifft damit sicher auch gelegentlich ins Schwarze. Zum Beispiel bei dem Hinweis, ein Date sei kein Vorstellungsgespräch und deshalb solle Mann/Frau doch bitte mal aufhören vermeintliche Vorzüge aufzuzählen und lieber zuhören und Fragen stellen. Den Hinweis von Bernd – „Bitte nicht so kontrolliert“ teile ich auch und schätze ihn. Vielleicht hilft er ja dem einen oder der anderen zu mehr Lockerheit. Anhand von wissenschaftlichen Studien spult Deißler ansonsten ein breites Repertoire an männlichen und weiblichen Verhaltensweisen und „biologisch-determinierten Ansprüchen“ bei der Partnerwahl wieder, die ich schlicht lustig fand. Zum Glück sind mir bislang noch keine der beschriebenen Haudegen, Super-Machos, Softies, Prinzessinnen und toughen Super-Emanzen begegnet.

Stichwörter zur Wahrheit über Männer: „Sie muss trophäentauglich sein“. Stichwort Wahrheit über Frauen beim Flirten: „Frauen haben ein natürliches Misstrauen und checken Männer auf ihr Gefahrenpotential.“

Flirten mit Blickkontakt? Funktioniert nach Nina Deisler so. Von wegen "Schau mir in die Augen, Kleines"

Flirten mit Blickkontakt? Funktioniert nach Nina Deißler so. Von wegen „Schau mir in die Augen, Kleines“.

Partnerschaftstipps und Liebe allgemein

Er meint:

Ich fand vieles sehr richtig und erhellend. Zum Beispiel, dass Liebe das wunderbare, unerklärliche Gefühl ist, das beide empfinden. Das gibt es sozusagen umsonst. Die Partnerschaft ist dann die Situation, in der gelebt wird. Die erfordert dann Gestaltung, wenn nicht, unter Umständen sogar, harte Arbeit. Viele verwechseln das heute aber. Länger drüber nachdenken sollten alle mal darüber, dass heute von der Liebe so vieles erwartet wird, und gleichzeitig niemand mehr bereit ist, Zeit dafür aufzubringen oder auch nur Geduld zu haben.

Es fehlen den heutigen Generationen der 30- bis 50-Jährigen auch die bewussten und unbewussten Vorbilder, denn unsere Eltern und Großeltern (meine Großeltern wurden vor 110 Jahren geboren!) können uns zu heute nur sehr begrenzt bis gar nichts sagen.

Spannend finde ich auch die Passagen, in denen Deißler über das Selbstwertgefühl schreibt. Partnersuche und sich Verlieben bringt eine/n – erst recht jenseits der 30 – unweigerlich in Kontakt mit existenziellen, kindlichen Gefühlen, zwischen Euphorie und tiefen Ängsten ist da sprichwörtlich alles im Angebot.

Sehr zu knabbern hatte ich an der These, es gebe sinngemäß „keine guten oder schlechten Eigenschaften“, es hänge immer vom Einzelfall ab. Die Fürsorge des einen könne für das Gegenüber noch völlig angenehm, für jemand anderen aber schon übergriffig sein. Alright.

Sehr gut fand ich das Kapitel über Kinder: Kinder werden überbewertet. Stimmig fand ich auch die Passagen, in denen gezeigt wird, dass es nicht darum geht, ob ein Paar Kinder bekommt oder nicht, sondern wie (gut) es mit der jeweiligen Situation umgeht. Kinder multiplizieren alles, was in einer Beziehung gut oder schlecht läuft. Kinder sind nicht dazu da, eine_n glücklich zu machen. Meist bringe_n sie einen an die Grenzen.

Sie meint:

Wer sich mal mit seinen persönlichen Beziehungs-Meisen auseinandersetzen will und sich schon länger fragt, warum er a) immer beim falschen Partner landet, der nie tut was er soll oder b) gar nicht erst jemanden passenden findet – kann in dem Buch etwas lernen. Nebst aller „Ich Tarzan, Du Jane“-Klischees gibt es in dem Buch auch zahlreiche Hinweise von den typischen Alltagsmissverständnissen bis zu den bisweilen überfrachteten Erwartungen im Bett. Das Kapitel  zum Kinderwunsch hat mir dagegen keinen Aha-Effekt gegeben.

Guter Hinweis für Partnerschaften, der uns wirklich alle ärgern dürfte: Die meisten Probleme beim Kennenlernen, Verlieben und verliebt bleiben resultieren aus unseren eigenen Unsicherheiten. – Wer sich gut und entspannt fühlen möchte, tut gut daran sich mit allen eigenen Eigenschaften ehrlich auseinander zu setzen. Auch den doofen ;).

Zugewinn: Fairness gegenüber sich selbst und dem Partner.  Wisse was du suchst und was du brauchst.

Germanys next Beziehungsratgeber?

Er meint:

Das Buch ist lohnenswert zu lesen, man kann sich daran abarbeiten, nachdenken. Es ist an vielen Stellen wirklich lustig und will zu mehr Unverkrampftheit anregen. Auch wenn dieses permanente „Die Wahrheit ist…“ auf Dauer etwas nervt. Es ist angenehm in der Sprache und die teilweisen vulgären Stellen sind auch in Ordnung, wenn nicht zutreffend: „Frauen: Lieber gar keinen Sex als schlechten“; „Männer: Lieber schlechten Sex als gar keinen“ – was dann auch mit der Anatomie zu tun hat.

Der in vielen solchen Ratgebern, wie auch im vorigen Beispiel, anzutreffende Biologismen á la „Frauen sind so und so“ und „Männer ticken so und so“, die dann in der Regel mit Beispielen aus der Steinzeit hergeleitet werden, kann man jetzt doof und nicht auf dem Stand der Debatte des an Judith Butler gestählten Gender-Diskurses finden. Über sie nachzudenken lohnt sich aber allemal, und wer ehrlich zu sich selbst ist, wird sich doch in einigem wiederfinden. Denn wir sind alle von den Erfahrungen der Generationen vor uns geprägt. Mehr als uns lieb ist.

Kurzfazit: Frau Deissler weiß nicht die Wahrheit im Beziehungsdschungel, aber sie stellt ein paar Wegweiser im unwegsamen Gelände auf.

Sie meint:

Persönlich bin ich mir nicht sicher, ob ich einem Coach und ihren Schlussfolgerungen aus der täglichen Praxis trauen mag. Schließlich haben Menschen wie Frau Deißler tagtäglich mit den absoluten Härtefällen zu tun. Qua Amt.

Wer sich fragt, warum er in Beziehungen öfter mal strandet oder beim Flirten keinen Fuß auf den Boden bekommt, findet in Deißlers Buch mit Sicherheit ein paar Hinweise. Da der Tonfall in lockerem „jetzt-mal-unter-uns“-Niveau gehalten ist, liest sich das Buch leicht weg. Allzu ernsten oder verzweifelten Menschen rate ich dagegen ab. Deißlers Lesern sollte der Humor noch nicht abgekommen sein.

Vergleiche zu anderen Beziehungsratgebern kann ich leider nicht bieten. Dieses Regal steuere ich selten an. Die Kapitel-Zusammenfassungen in „Die Wahrheit ist…“ – Sätzen hätten vor allem typographisch hübscher aufbereitet werden dürfen. Inhaltlich soll häufiges Wiederholen des Lernstoffes ja beim Merken helfen.

Für meine Generation dürften einige Hinweise zum Thema 100% gendertechnisch-gleichberechtigt sogar ganz hilfreich sein. Aus Gesprächen bei viel Kaffee oder dem Feierabend-Bier weiß ich: damit machen wir uns alle noch ganz verrückt.

Kurzfazit: Ruhig mal lesen, wenn die Neugier für das Thema da ist und sich gelegentlich das Gefühl von Ratlosigkeit einstellt.

Wer steckt dahinter?

Bernd Hüttner, 50, seit sieben Jahren geschieden, lebt seit vier Jahren mit wechselnder Laune in einer Wochenend-Fernbeziehung. Seine zwei Kinder prognostizieren manchmal, welches Paar in ihrem Umfeld sich wohl als nächstes trennt. Meistens irren sie sich.

Janina Weinhold, 33, entspannter Single, kennt sich auch mit Langzeit- und Fernbeziehungen aus. Fragt sich selten, wie lange andere Paare noch durchhalten. Hat keine Flirtpanik und leidet manchmal darunter, wenn fröhliches Geplapper oder ehrliches Interesse am Thema als Anmache interpretiert werden.


Nina Deißler: Beziehungsstatus: Kompliziert. Die absolute Wahrheit über Männer, Frauen, Sex und Liebe, Verlag Droemer-Knaur, München 2016, 224 Seiten, 12,99 EUR