#PlacesToGo: Kaffeeseminar in der Lloyd Caffee-Rösterei

Manchmal wissen Touristen mehr über Bremer Orte, als die Bremer selbst. Rund 3.000 Menschen aus der ganzen Republik schauen sich jedes Jahr in Bremens kleiner Kaffeerösterei bei Lloyd Caffee an, wie ihr Kaffee eigentlich in die Tüte kommt. Deutlich weniger Bremer schauen hinter die Kulissen der Traditionsrösterei. Zeit das zu ändern. Janina hat gemeinsam mit Bremer Bloggerinnen das Kaffee-Seminar besucht.

Die Lloyd Rösterei mit Café liegt etwas versteckt im Holzhafen der Überseestadt, am Fabrikenufer gleich rechts hinter der alten Feuerwache an den Container-Schienen. Schon der Fahrradtrip rund um die Roland-Mühle ist immer wieder einen Ausflug wert. Gemeinsam mit acht Bremer Bloggerinnen treffe ich auf Christian Ritschel, den Röstmeister bei Lloyd Caffee. Christian ist der Herr des Aromas aus der Bohne und hat jede Menge Kaffeewissen für uns parat.

Ausflug in Bremens Kaffee(HAG)Geschichte

Zuerst dürfen wir Kaffeeseminar-Besucherinnen allerdings in die heiligen Hallen des Marmorsaals von Kaffee HAG schauen. Einst entkoffeinierte Ludwig Roselius in diesen traditionsreichen Mauern seinen Kaffee. Seit 2008 ist Lloyd Caffee in die ehemalige Rohkaffee-Annahme von Kaffee HAG gezogen. Christian Ritschel hat sichtlich Spaß daran, ein paar Episoden aus der Zeit von Roselius zum Besten zu geben. Der Sage nach, erfand der Bremer Kaffeehändler das Entkoffeinierungsverfahren, weil sein Vater 100 Tassen am Tag trank. Um 1907 entzog er dem Kaffee mit Benzol sein Koffein. Heute undenkbar – damals bekam Roselius von der Bank für sein „Entgiftungsverfahren“ sehr viele Goldmark, um seine Kaffeefabrik und das Bremer Kaba-Gebäude zu bauen, erzählt Ritschel. Der Geschäftsmann erfand auch den Beruf des „Vertreters“, um seine gerösteten Bohnen in die Tante Emma-Läden zu bekommen. Zahlen musste der Krämer nur, was er verkaufte. Das zog. „Das Mann war ein Marketing-Genie – lange bevor das Marketing überhaupt erfunden wurde“, findet Ritschel.

Hier ein paar Kaffee-Fakten aus dem Seminar:

Bei einer Tasse Übersee-Mischung und Kuchen erklärt Christian Ritschel mit Leidenschaft, warum Kaffee mehr Wertschätzung verdienen sollte.

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  • Kaffee aus der industriellen Großproduktion wird im Schnitt 90 Sekunden im Heißluftverfahren bei bis zu 600 Grad geröstet, bei den traditionellen Verfahren dauert das gemütliche 20 Minuten.
  • Der weltgrößte Kaffeeexporteur ist Brasilien, Vietnam ist der zweitgrößte.

„Die Weltbank förderte den Kaffeeanbau in Vietnam nach dem Vietnamkrieg. Seitdem hat sich Vietnam zum zweitgrößten Exporteur entwickelt, weil der Preis unschlagbar billig ist“ –Christian Ritschel

  • Brasiliens Kaffeeplantagen bilden ein Anbaugebiet so groß wie Niedersachsen.
  • Die Robusta-Pflanze wächst im Flachland, gilt als weniger edel, hat aber mehr Koffein und schmeckt würziger. Arabica-Bohnen wachsen im Hochland und gelten als edler.

Zwischen diesen Fakten kann sich Röstmeister Christian Ritschel ein paar Seitenhiebe auf die Kaffeeriesen nicht verkneifen:

„Fast jede vierte Kaffeebohne in Deutschland ist eine Robusta-Bohne, auch wenn 100 Prozent Arabica auf der Tüte steht.“

Wenn in Lasagne Pferdefleisch steckt und in Erdbeer-Joghurt Sägespäne, erscheint mir Ritschels Kritik nicht ganz abwegig. Dem Röstmeister liegt der Anbau des Kaffees besonders am Herzen, denn hier beginnt die Qualität des Kaffees und hier könnte der Kaffee über den direkten Handel mit Kaffee-Kleinbauern deutlich fairer werden.

Der weite Weg vom Kaffeebaum bis in die Tüte

Eine Kaffeepflanze trägt erst nach vier Jahren erste Früchte. Häufig werden die Kirschen komplett und maschinell abgeerntet. Dabei landen grüne, gelbe und rote Kaffeebohnen in den Erntesäcken. Bauern, die per Hand ernten, sammeln nur die roten Kaffeekirschen und sind deshalb 10 bis 12 Wochen beschäftigt, erklärt Ritschel.  Die geernteten Kaffeekirschen machen auch danach noch jede Menge Arbeit. Schließlich besteht das Getränk aus gerösteten Bohnen.
Die Kirschen werden entweder getrocknet und geschält, oder  in einer „Wet-Mill“ im Nassverfahren aufbereitet: Das Fruchtfleisch wird hier ab geraspelt und abgewaschen und die Bohnen in Wasssertanks fermentiert.

Röstmeister Christian Ritschel wirbt für mehr Respekt vor Kaffee

Röstmeister Christian Ritschel wirbt für mehr Respekt vor Kaffee

Unfassbar! Die grünen Kaffeebohnen müssen anschließend noch 6-8 Wochen getrocknet und gewendet werden, bevor sie verkauft werden können. Schlussendlich werden diese Rohkaffeebohnen sogar nochmals sortiert. Ein unfassbarer Aufwand, bedenkt man den Supermarktpreis von vier Euro pro Pfund.  Lloyd kauft seinen Rohkaffee direkt von bäuerlichen Familienplantagen – ein Grund für den deutlich höheren Preis, sagt Ritschel.

Die Bohnen werden live geröstet:

Dann geht es zum Highlight des Tages: Ab hinter den Tresen und rüber zur traditionellen Trommelröst-Maschine. Ritschel röstet einen Sack Kaffee. Rund 60 Kilo Kaffebohnen werden in der Trommel, wie in einer Waschmaschine bewegt und langsam auf 200 Grad erhitzt.

Rund zwanzig Minuten flitzen einzelne Bohnen an dem kleinen Bullauge der Rösttrommel vorbei und der Röstmeister entnimmt immer wieder eine Schippe Bohnen zum Prüfen ihrer Farbe. Langsam beginnen die Bohnen zu knacken. Als Ritschel zufrieden ist, öffnet er die Klappe und die gerösteten Bohnen rauschen auf das Kühlsieb, wo kleine Kehrbesen die Bohnen durchkämmen und wenden, damit sie möglichst schnell im Kaltluftstrom herunter gekühlt werden. Sonst würden die heißen Bohnen innen noch nachrösten. Einmal abgekühlt werden die Bohnen in ein Silo gesaugt. Dort dürfen die Kaffeebohnen noch weiter reagieren und „ausgasen“, bevor sie gemischt und in Tüten abgefüllt werden.

Mein Fazit

Natürlich darf bei so einem Kaffeeseminar auch das Probieren dreier Hauskaffee-Sorten nicht fehlen. Unter uns Bloggerinnen sind die Geschmäcker verschieden. Am Ende des Tages gibt es also nicht „die Bremer Blogger“-Kaffeemischung.


Das hat mich am meisten überrascht: Als die Bohnen dampfend aus der Rösttrommel ins Sieb geplumpst sind, habe ich keinerlei bitteren, strengen Kaffee-Geruch wahrgenommen. Der lag früher immer über Hemelingen und als Kind konnte ich diesen scharfen Geruch nicht ausstehen. Für mich persönlich gibt es noch einen Grund in der Rösterei vorbei zu schauen: Im Café gibt es jede Menge nostalgisches Kaffee-Zubehör zu entdecken. Die Kulisse verströmt ein Flair von Kaffeehäusern und Tante Emma-Läden.


Feste Kaffeeseminar-Termine:

Jeden Montag um 11.00 Uhr, jeden ersten Freitag im Monat um 15.00 Uhr, und jeden ersten Sonntag im Monat um 15.30 Uhr.  Kostenpunkt: 10 Euro. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Extratermine können angefragt werden.

Text und Fotos: Janina Weinhold

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