#reisezeit: Auf Sand gewachsen – Fraser Island

Fraser Island

Fraser Island

Als ich gegen 6 Uhr morgens in den breit- und hochbereiften Lkw klettere, der mich nach Fraser Island bringen soll, fällt mir gleich der Plüsch-Dingo auf, der zwischen Frontscheibe und Armaturenbrett klemmt. „Falls wir keine echten Exemplare sehen, haben wir zumindest einen Ersatz“, schmunzelt Tim, der Tour-Guide, schon gut gelaunt. Auf der größten Sandinsel der Welt, die sich drei Autostunden nördlich von Brisbane im Pazifik befindet, leben noch freilebende Dingos, die an Wildhunde erinnern.

Schon die Anreise zu dem Naturparadies ist ein Abenteuer. Nach ein paar Kurven auf kleinen Landstraßen, biegt Tim auf sandige Wege ab. „Wir befahren gleich den Pacific Highway“, erklärt er und meint damit eine der wenigen Strandstraßen, die es weltweit gibt. Eigentlich erscheint der Strand wie einer von vielen an der Ostküste Australiens. Wären da nicht die Reifenspuren und die Verkehrsschilder im Sand. Mit maximal 80 Kilometern pro Stunde dürfen Autos mit spezieller Bereifung auf dem Ufer-Highway fahren. Es sind wenige Jeeps unterwegs. Doch die Leere täuscht, die Straße ist beliebt. „Manchmal gibt es auch Geschwindigkeitskontrollen und auf den Auffahrten zum Strand staut es sich schon mal“, weiß Tim zu berichten, der die Sandstraße mehrmals pro Woche befährt, um Touristen auf die Insel zu bringen.

Dingo, Fraser Island

Ein Dingo an einem Süßwasserlauf. Die Wildhunde leben auf Fraser Island.

Flugzeuge, Schiffe, Jeeps

Erahnen lässt sich das 124 Kilometer lange Naturparadies Fraser Island bereits vom Festland. Es gilt als eines der Hauptausflugsziele in Australien. Biologen sind noch immer begeistert von der üppigen Pflanzenwelt, die auf der Kuppe der Düne unermüdlich sprießt und gedeiht – alles wächst auf Sand. Die Autofahrer müssen sich den Highway auf der Insel mit Kleinflugzeugen und sogar einem Schiffswrack teilen. In das immer gleiche Bild aus blauem Himmel, goldgelbem Sand und azurblauem Meer schiebt sich am Horizont ein unförmiges rostrotes Gebilde. Es wächst zu einem vom Meer und Wind zerfressenem Stahlskelett an – die „Maheno“. Einst ein stolzer Ozeanriese, der Passagiere zwischen Neuseeland, Kanada und Australien transportierte. 1905 in Schottland gebaut, überlebte der Koloss den Ersten Weltkrieg. Während dieser Jahre war die „Maheno“ im Mittelmeerraum als schwimmendes Krankenhaus unterwegs. „Der Eisberg, an dem die Titanic zerschellte, hätte ihr nichts anhaben können, denn sie ist vollkommen aus Stahl. Deshalb steht sie immer noch hier“, ist sich Tim sicher. Eis und Kriege konnten die „Maheno“ nicht zum Sinken bringen. Sie ging auf dem Trockenen unter. Ein Zyklon und die Sandinsel besiegelten 1935 ihr Schicksal. Und wenn schon, zu Schaden kam damals niemand und es gibt wahrlich unwirtlichere Orte für einen Schiffsbruch. Heute ist das rostige Gerippe eine beliebte Fotokulisse.

Fotokulisse Maheno, Fraser Island

Gestrandet: Die „Maheno“ ist heute eine beliebte Fotokulisse.

Tierische Begegnungen

Ein paar Fischern umspült der Pazifik die Füße, doch die Idylle trügt: „Das würde ich mich nicht trauen“, erklärt Tim, „hier gibt es so viele Haie und starke Strömungen, dass ich mich dem Wasser nicht mal nähere.“ Relaxt die Füße baden kann ich hingegen in den vielen Süßwasserläufen, die sich vom Inselinneren zum Meer schlängeln und nie versiegen. Während hinter mir das Meer rauscht und vor mir der Bach plätschert, sehe ich aus den Augenwinkeln ein Tier auf mich zukommen – ein Dingo. Unsere Gruppe erstarrt in ihren Bewegungen, flüstert ehrfürchtig und bewundert den fuchsroten, etwas mageren Wildhund. Neugierig schleicht er um uns herum, trinkt aus dem Wasserlauf, geht ganz hinein und strampelt darin herum. „Das ist ungewöhnlich, normalerweise sind Dingos sehr scheu“, wundert sich Tim. Das Plüsch-Pendant kann sich also weiterhin ausruhen.

Fraser Island, Lkw-Blick

Ungewöhnlicher Blick aus dem Lkw-Fenster. Für alle Fälle ist der Plüsch-Dingo mit dabei.

Gefordert sind dagegen die 250 Pferdestärken des Lkw. Ohne den Allradantrieb und den starken Motor lässt sich das Inselinnere nicht erkunden. Asphaltierte Straßen gibt es nicht, stattdessen kämpfen sich die Fahrzeuge durch rutschigen Sand mit Furchen und tiefen Löchern. Einen empfindlichen Magen darf man bei dem permanenten Auf und Ab nicht haben. „Da sind Fußspuren im Sand, das ist kein gutes Zeichen“, bemerkt Tim plötzlich und dann wird auch schon klar, weshalb. Ein vereinsamter Bus parkt provisorisch im Busch. Kurz danach stauen sich die Autos – ein Wagen ist liegengeblieben. Mit jedem Aufheulen des Motors schießen Sandkornfontänen unter den Rädern in alle Richtungen. Wenn die Pferdestärken versagen, ist Manpower gefragt. „Ich brauche ein paar starke Jungs“, ruft Tim den Mitfahrern zu und scheint genau zu wissen, was zu tun ist. Routiniert klettert er aus dem Lkw und kämpft sich durch den feinen Sand zu dem gequält jaulenden Jeep durch. Die Helfer ruckeln und schaukeln das Gefährt hin und her. Kurz danach macht es einen Satz nach vorn und kann sich aus seiner misslichen Lage befreien. Erleichterung macht sich breit – nun ist der Weg wieder frei. Wir müssen also nicht durch den Sanddschungel zurück laufen. Dass Autos auf Fraser Island in Schwierigkeiten kommen passiert häufiger. Das Fahren auf dem Sand ist nicht einfach. Das wird auch deutlich am Schneckentempo, mit dem wir uns fortbewegen. Nur acht Kilometer sind es bis zum Lake McKenzie, auf dem Sandweg wird diese Distanz jedoch zu einem Stundentrip.

Lake McKenzie, Fraser Island

Entspannen wie in der heimischen Badewanne: Der Lake McKenzie ist einer von 200 Süßwasserseen der Insel.

Glasklare Lagune

Der Lkw tastet sich durch das Gelände, in dem die tropischen Bäume und Pflanzen immer dichter werden. Mit ihren langen Wurzeln zapfen sie die reichen Süßwasserreserven im Untergrund an und können deshalb dem Sand trotzen – ein Naturwunder, das gegensätzlicher nicht sein könnte. Zu den Perlen der Insel gehört auch der Lake McKenzie. Er ist einer von 200 Süßwasserseen und kann mit der Kulisse des Films „Die blaue Lagune“ mithalten. An einem Traumstrand mit weißem Sand, an dem sich glasklares Wasser in Miniwellen kräuselt, lasse ich die Kombination aus Wüste und Regenwald auf mich wirken. Ungestört kann ich die Ruhe genießen, denn endlich gibt es mal keine Schilder, die vor giftigen Quallen, bissigen Haie und tödlichen Unterströmungen warnen. Noch nicht einmal das Wasser brennt in den Augen. Es schmeckt wie aus dem Wasserhahn. Dass glitzernde Nass ist so rein und nährstoffarm, dass kaum Lebewesen darin leben. Unbedenklicher schwimmt es sich nur in der heimischen Badewanne. Die größte Gefahr dort sind neugierige Dingos, die am Ufer den Rucksack klauen, weil sie darin Futter vermuten.

Ein weiteres Highlight sind die stillen Flüsse im Regenwald. Als ich durch die hochhaushohe und sattgrüne Vegetation schlendere, bemerke ich das Rauschen des Windes in den Baumkronen und den exotischen Gesang der Vögel. Das reißende Flüsschen, das sich seinen Weg durch das Grün bahnt und auf dessen Boden der Sand durchschimmert, gibt keinen Laut von sich. Nicht mal das geringste Plätschern ist zu vernehmen – als hätte jemand eine Tonspur auf stumm gestellt. Staunend stehe ich am Ufer und bin beeindruckt von den Überraschungen auf Fraser Island. „Warum ist nichts zu hören?“ Tim zuckt die Schultern, „darüber zerbrechen sich die Leute auch den Kopf.“ Naja, ich muss ja nicht alles wissen. Wer hat nur diesen Tag so perfekt gebucht? Verzückt genieße ich die zauberhafte Idylle. Für Fraser Island braucht man einfach ein bisschen Glück – und Pferdestärken.

Regenwald, Fraser Island

Regenwald auf einer Wüsteninsel: Haushohe Bäume wachsen neben den stillen Flüssen.

 

Fotos: Annica Müllenberg

 

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