reiseZeit: Baustellenlärm im Dschungel?

Startbild Schmetterlinge, die im Nationalpark flatternIch habe meine Turnschuhe angezogen und noch lange Socken mit: Für meinen Ausflug in den Nationalpark Mount Tamborine in Queensland will ich gut ausgerüstet sein. So richtig weiß ich nicht, was mich erwartet. Aber von Einheimischen habe ich nebenher den Tipp bekommen, die Knöchel zu schützen – nur, für den Fall, dass eine Schlange doch einmal zuschnappen sollte. Vor meinem inneren Auge entrollt sich die Liste der giftigen Tiere, mit der fast jeder Reiseführer über Australien beginnt. Die zehn gefährlichsten Schlangen leben alle Down Under – ein Biss ist natürlich tödlich. Dazu kommen allerlei Spinnen, Kröten, Quallen, Tintenfische und anderes schwimmendes sowie krabbelndes Getier, das ziemlich unangenehm werden kann. Ich fühle mich ein wenig wie Indiana Jones, als ich zu Loy in den Bus steige. Er fährt mich und noch eine chinesische Familie sozusagen in die Wildnis – 90 Kilometer ins Landesinnere und weit weg von der Partystadt Surfers Paradise. Krasser könnte der Unterschied nicht sein.

AC/DC als Klingelton

Loy stammt eigentlich aus Neuseeland, hat aber die australische Lebensart nach 20 Jahren auf dem Kontinent adaptiert. Außerdem sagt er, zwischen den Neuseeländern und den Australiern gebe es keine Unterschiede. „Alles dasselbe“, wischt er mit einer Handbewegung die Fragen weg. Wen immer er trifft grüßt er mit einem lässigen „How are you“ und wenn sein Handy klingelt, schallt die australische Band AC/DC von der Armatur. Die Tatsache, dass Angelina Jolie gerade in der Nähe einen Film dreht und mit Brad Pitt wohl ab und zu über den Strand fliegt, passt ihm gar nicht. „Die kriegen alle zu viel Geld“, knurrt er nur kurz. Nach 45 Minuten Fahrt mit der Küste im Rücken wird die Landschaft hügelig. Wir fahren an kleinen Verkaufsständen vorbei: Avocado, Rhabarber und Kiwis liegen dort unter Sonnenschirmen. Noch deutet nichts auf den Regenwald hin – eher könnte man meinen, den mittleren Westen der USA am Autofenster vorbeifliegen zu sehen. Ein Pick-Up mit einem Hund fährt vor uns und biegt auf das Gelände einer der großflächigen Farmen ab. Einheimische, die am Zaun stehen, tippen sich zur Begrüßung an den Hut, wenn sie Loy erkennen.

Im Dschungel dreht sich alles um das Licht, deshalb sind die Bäume so hoch

Im Dschungel dreht sich alles um das Licht, deshalb sind die Bäume so hoch

Einlass in den Dschungel

Nach weiteren Kilometern nehmen die Bäume und Palmen am Straßenrand zu. Als wir halten, stehen wir vor einer sattgrünen, üppigen Wand, die auf den ersten Blick keinen Einlass bietet. Loy zeigt uns den Weg in das Paradies und sofort wird klar – an diesem fast unberührten Ort haben noch die Tiere das Sagen. Die Zikaden surren in ohrenbetäubender Lautstärke. Sie sind kaum zehn Zentimeter groß, aber wenn man in ihre Nähe kommt, muss man schon ziemlich laut sprechen, um deren Natursymphonie zu übertönen. In das Ratschen mischen sich die Schreie von Kakadus, Regenbogenloris, Kockaburras – diese Vogelart sieht aus wie die schwarz-weiße Ausgabe eines deutschen Eisvogels – und weiterer beflügelter Exoten. Nur einen hören wir leider nicht: Den Australischen Leierschwanz. Er ist der Star unter den Coversängern: „Er kann sogar das Geräusch von Werkzeugen und Baustellen haargenau adaptieren“, verrät Loy. Mit Bedacht wählen wir unsere Schritte durch das Dickicht. Überall scheinen Tiere und Insekten zu lauern, nach jedem Schritt knistert es und Bewegungen sind in den Blättern zu sehen. Wir werden beobachtet.

Bäume ragen wie Hochhäuser in den Himmel

Bäume ragen wie Hochhäuser in den Himmel

Hinterhältige Pflanzen

Inmitten der Mangroven, Gummi- und Eukalyptusbäume, die bis zu 60 Meter in die Höhe schießen, fühlt man sich wie ein Zwerg und wandelt im Gewächshausklima über den schattigen weichen Boden. Dort türmen sich abgeknickte Äste, abgestorbene Palmwedel und Laub in einem unberührten Naturchaos. „Hier streben alle zum Licht. Dort oben spielt die Musik“, erklärt der einheimische Naturexperte und zeigt in Richtung Sonne. Streben heißt, auch mal 80 Meter in den Himmel ragen bei einem Stammumfang von manchmal zehn Metern. Zwischen den Pflanzen, deren Verwandte in deutschen Wohnzimmern neben Fernsehern gezwungen sind, artige 50 Zentimeter nicht zu überschreiten, sind auch einige Bösewichte mit langen Ranken, an denen Dornen sind oder deren Blätter Miniatur-Widerhaken haben. Loy rät: „Fasst die besser nicht an.“ Ein paar Meter weiter gräbt er im zentimeterdicken Laub, bis die rostrote Erde zum Vorschein kommt. Ein unscheinbares Loch hat sein Interesse geweckt. „Das ist die Behausung einer Spinne“, er tippt mit einem Stöckchen an den Rand des Erdlochs. Bei diesem Wort schrillen bei mir alle Alarmglocken – Spinnen gehören nicht unbedingt zu den Exoten, die ich in Australien treffen muss. Der achtbeinigen Spezies geht es anscheinend ähnlich. Kaum hat sie den Windhauch des Stöckchens gespürt, schließt sich blitzschnell das kleine Loch. „Die meisten der handgroßen Riesenschnecken, Giftkröten und Spinnen sind nachtaktiv“, beruhigt Loy uns fast ein wenig gelangweilt. Trotzdem – die feingewebten Netze zwischen den hochstämmigen Wurzeln sind teilweise so groß wie Handtücher und flößen mir Respekt ein. Gut, dass deren Bewohner sich bis zum Einbruch der Dunkelheit verkrochen haben. Zur Dschungelkönigin würde Loy mich nach der Wanderung wohl nicht küren, zumal er mir mich selbst mit einer Gummischlange aus dem Auto erschrecken konnte. Aber ein bisschen Indiana-Jones-Feeling bleibt.

Ein Wasserfall plätschert im satten Grün

Ein Wasserfall plätschert im satten Grün

Fotos: © Annica Müllenberg / GLUCKE