netzFund: Zeitwohlstand

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„Es bleibt noch viel zu tun, damit wir weniger tun müssen“, dieser, im Buch vorletzte Satz ist die Quintessenz der hier vorgestellten Veröffentlichung. In ihm berichtet das Leipziger Konzeptwerk Neue Ökonomie darüber „Wie wir anders arbeiten, nachhaltig wirtschaften und besser leben“ (so der Untertitel). Es geht also um Muße, Selbermachen, Kontakt und Sinn. Wieder einmal um die Frage, was eigentlich „Wohlstand“ heute genau bedeutet und die simple Tatsache, dass Zeit nicht vermehrbar ist. Wohlstand bedeutet heute – wenn auch nicht vorrangig –, Verfügung über die eigene Zeit zu haben. Mit diesem Ansatz ragt das Buch etwas aus der kaum mehr bewältigbaren Menge an Literatur zu Postwachstum, Downshifting, Commons, Burn-Out und der schon 2009 benannten Mehrfach-Krise heraus.

Frigga Haug, Hartmut Rosa und Niko Paech beleuchten das gute Leben

Die vier AutorInnen und zwei HerausgeberInnen gehen davon aus, dass das vielgenannte „gute Leben für alle“ das Ziel politischen Handeln sein sollte. Sie konstatieren dann aber, dass viele viel, wenn nicht zu viel arbeiten, und zwar unabhängig vom Einkommen, und viele eindeutig zu wenig verdienen und damit von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind.
Die feministische Soziologin Frigga Haug beschreibt die von ihr entwickelte Vier-in-einem-Perspektive, die die gleichberechtigte Aufteilung der „Arbeit“ in Fürsorge, politisches Engagement, persönliche Entwicklung und Lohnarbeit vorschlägt. Hartmut Rosa, wie Frigga Haug Soziologe, fragt danach, wie Menschen wieder die ihnen fehlenden Resonanzerfahrungen machen können. Der in Oldenburg lehrende Niko Paech weist auf die psychischen Deformationen der Wachstumsgesellschaft hin und skizziert die persönlichen und gesellschaftlichen Gewinne (in) einer Ökonomie, die nicht mehr auf Wachstum und Naturzerstörung fußt.

Kritik am gängigen Role-model

Sympathisch ist, dass fast alle AutorInnen die gängige Bewertung von Arbeit und deren geschlechtsspezifische Zuweisung und Abwertung kritisieren. Das Buch kann nach drei Monaten nochmals gelesen werden. Denn auch dann wird der nachfolgende Passus von Lena Kirschenmann noch gültig sein „Wir verfehlen unser Ziel. Die auf Wachstum ausgerichtete Wirtschaftsweise ist ökologisch nicht tragbar, führt zu psychischer Belastung sowie hohen Einkommensunterschieden und ungleicher Arbeitsbelastung. Der materielle Wohlstand steigt, das Wohlbefinden nicht. Es ist an der Zeit, über Alternativen nachzudenken.“. Das Buch „Zeitwohlstand“ ist ein empfehlenswerter Beitrag dazu.

Konzeptwerk Neue Ökonomie (Hg.): Zeitwohlstand; oekom Verlag, München 2013, 106 Seiten, 16,95 EUR (hier als PDF open access)
Unter http://www.zeitwohlstand.info/videos können die Vorträge der Veranstaltungsreihe in Leipzig angesehen werden.

Foto: Wikimedia Commons

Text: Bernd Hüttner

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