tanzTheater: Gar nicht eigenARTig!

Kommende Woche findet zum dritten Mal das internationale Tanztheater-Festival eigenARTig in Bremen statt, bei dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam auf der Bühne ihre Tanzstücke zeigen. Der Verein tanzbar_bremen hat zusammen mit steptext dance project Tanzkompanien aus fünf Ländern eingeladen, ihre inklusiven Produktionen vorzustellen. dieGlucke sprach mit Corinna Mindt und Neele Buchholz von der tanzbar_bremen, die mit ihrem Duett „Rosa sieht Rot“ teilnehmen und einen Work-shop halten, über die Ideen und Ziele des Festivals und ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit inklusivem Tanz.

dieGlucke: Inklusion ist gerade ein topaktuelles Thema in vielen Lebensbereichen, vor allem in Schule oder Beruf. Wie kann das Festival dazu beitragen, das selbstverständliche Miteinander beeinträchtigter und nicht beeinträchtigter Menschen zu fördern?

Corinna Mindt: Mit unserem Verein tanzbar_bremen wollen wir Einstiegswege für Menschen mit Behinderung  in Bereiche schaffen, die ihnen bislang verschlossen sind. Das Tanzfestival bietet das ideale Forum, um viele unterschiedliche Leute  zusammenzubringen, die inklusive Ideen im Tanz auf völlig unterschiedliche Weise umsetzen. Die Grundvoraussetzung ist für alle gleich, aber die Kunstformen, die sich daraus entwickelt haben sind verschieden. Festivals wie eigenARTig – übrigens das einzige dieser Art im norddeutschen Raum – eröffnet dem breiten Publikum in Bremen die Möglichkeit, neue Sichtweisen für das Thema Kunst und Beeinträchtigung zu entwickeln und auch über ästhetische Formen und künstlerische Inhalte im direkten Kontakt mit den TänzerInnen und (Tanz-)PädagogInnen zu diskutieren, voneinander zu lernen und aneinander zu wachsen. Wir haben erstklassige Tanzkompanien aus Schweden, Großbritannien, Spanien und Dänemark sowie Deutschland gewinnen können, ihre aktuellen Arbeiten oder sogar Premieren zu zeigen. Das ist hochprofessionelle Arbeit und wir wollen erreichen, dass diesem Schaffen mit gleicher Wertschätzung begegnet wird wie gegenüber der bestehenden zeitgenössischen Bühnenkunst.

Und es geht auch darum zu zeigen, dass dank breiter Inklusion sich auch beruflich neue Wege erschließen. Nach mehreren Praktika ist Neele Buchholz mittlerweile bei der tanzbar_bremen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die junge Frau mit Down-Syndrom wird als Co-Trainerin ausgebildet, leitet auch schon die ersten Übungseinheiten bei Schulklassen und zeigt als Tänzerin ein großes Talent.

dieGlucke: Ihr haltet während des Festivals gemeinsam einen Work-shop und zeigt außerdem ein Tanz-Duett, dessen Choreographie von euch beiden entwickelt wurde. „Rosa sieht Rot“ heißt das Stück, in dem ihr euch „lieblich wild und fordernd rot ins Leben stürzt“. Was bekommt das Publikum zu sehen? Wofür stehen die Farben?

Neele Buchholz: Rosa steht für die mädchenhafte, schüchterne Frau, und Rot für die Powerfrau, für Respekt und Liebe. In unseren Kleidern und im Tanz zeigen wir diese „Farben“.

Corinna Mindt: Es geht in unserem Duett auf der Bühne, aber auch im Walk-Act mit zwei schrill-pinken Koffern, wie Fernweh, Liebe, Neugier, Zweifel und Kraft zwei Frauen zum Tanz antreiben. Mit dem Festival können wir aber auch in öffentlichen Work-Shops möglichst vielen Menschen vermitteln, wie durch Ausdruck, Spiel, körperliche Präsenz, Spaß und Teamwork der Körper aufgeweckt und die Aufmerksamkeit für die Gruppe und die Partner geschult wird. Dann leiten wir zu Improvisationsaufgaben in Szenen und Gespräche ohne Worte an. Das ist manchmal geradezu therapeutisch und zeigt, wie bereichernd Inklusion für alle sein kann! Durch die Anstellung von Neele über den Verein können wir in einem Modellprojekt ihre berufliche Qualifizierung im Tanzbereich schaffen. Das ist in England gang und gäbe, in Deutschland noch sehr selten und einzigartig in Bremen, soll aber auf lange Sicht kein Einzelfall bleiben. Im Moment planen wir, zwei neue Praktikantinnen in den Lehrbetrieb zu integrieren. Deshalb ist es auch wichtig, gemeinsam neue kreative und alternative Bildungsansätze in der inklusiven Pädagogik zu entwickeln. Auch das ermöglicht das Festival mit seinen Symposien und den TeachingActs mit Ensemblemitgliedern aus allen beteiligten Kompanien.

dieGlucke: Wie geht es nach dem Festival weiter? Gibt es schon neue Projekte?

Corinna Mindt: In Kooperation mit der Schule an der Delmestraße arbeiten wir gerade an der „HexenGmbH“, einer Produktion in der Erzählform der Märchen, mit der wir auf typische Vorurteile und das Thema Ausgrenzung eingehen. Premiere dieses inklusiven Tanztheaterstücks ist im Februar 2014. Auch diese Kooperation soll dazu beitragen, dass es zum Normalfall gehört, dass im Kultursektor beeinträchtigte und nicht beeinträchtigte Menschen gemeinsam arbeiten, gestalten und vermitteln. So sollen junge Erwachsene die Chance bekommen, im Kulturbereich Arbeitsmarktperspektiven und Lebensentwürfe zu finden. Mit unseren Kooperationspartnern und Gästen aus dem sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereich wollen wir Kultur durch eigene kreative Umsetzung in inklusiven Tanzproduktionen schaffen und Tanz als Medium für inklusives Handeln mit Schul-Workshops, Fachtagungen und Teaching-days fördern. Und irgendwann soll es nicht mehr notwendig sein, extra Festivals für inklusiven Tanz zu veranstalten – wenn sie als gleichwertige Kunstform voll im Kunstbetrieb akzeptiert sind.

Neele Buchholz: Das ist auch mein Traum! Eine größere Gruppe gleichgesinnter und gleichalter TänzerInnen in Bremen!

dieGlucke dankt für das lebendige Interview und kann nur empfehlen, sich dieses charismatische Doppel am Donnerstagabend und auch die anderen Produktionen auf dem Festival nicht entgehen zu lassen. 

Aufführungen, Work-shops, Symposien

Das inklusive Tanzfestival eigenARTig wird am Mittwoch, den 30. Oktober 2013 um 20.00 Uhr im Theater Bremen eröffnet. Spielort ist dann bis zum 3. November 2013 die Schwankhalle mit Produktionen und Premieren folgender Ensembles (Tickets über www.schwankhalle.de, Ausnahmen sind angegeben):

Mi., 30.10.2013  um 20.00 Uhr Festival-Eröffnung eigenARTig Tickets nur über das Theater Bremen 20,- € /12,- € Artificial Things von stopgap (Großbritannien), Deutschlandpremiere

Do., 31.10.2013  um 20.00 Uhr  Mixer, kurze Stücke der Kompanien aus Schweden, Spanien und Deutschland

Fr., 1.11.2013 um 18.00 Uhr und 20.00 Uhr (Tickets 5,- € nur an der Abendkasse) Chiffre1112013 von tanzbar_bremen (Deutschland)

Sa., 2.11.2013 um 20.00 Uhr  Frau Wagner rüstet sich  von bryckenbrant (Deutschland)

Sa., 2.11.2013 um 22.00 Uhr die eigenARTig-Festivalparty

So., 3.11.2013 um 20:00 Uhr  UMBRUCH III HOMEZONE

Öffentliche Work-shops (bitte anmelden unter 0421 2403161 oder info@tanzbarbremen.de):

Zeitgenössischer Tanz und Gebärdensprache am Mo. 28. 10.13 von 15.00 bis 17.00 Uhr

Integrativer Tanz – Tanzimprovisation Mi. 30.10.13 von 11.00 bis 13.00 Uhr

Kreation und Improvisation am Fr., 1.11.13 von 15.00 bis 17.00 Uhr

Wie entsteht eine Szene? am Sa., 2.11.13 von 10.00 bis 14.00 Uhr.

Öffentliche Symposien während des Festivals

Mi., 30.10.2013 von 15.00 bis 18.00 Uhr: GRENZGÄNGE(R)? Wo haben inklusiv arbeitende Tanzkompanien mit ihren Produktionen ihren Platz in der Kulturlandschaft gefunden?

Fr., 01.11.2013 von 10.00 bis 13.00 Uhr: TANZ – SCHULE – INKLUSION Drei große Schlagworte, zu deren möglicher Verbindung Austausch und Diskussion stattfinden soll.

Festival-Cafe und Mediathek

Vom Donnerstag, 31.10. bis Sonntag, 3.11.2013  jeweils ab 17.00 Uhr in der Schwankhalle, Buntentorsteinweg 112.

Hier geht´s zum Trailer zum eigenARTig-Festival.

Alle Termine sowie mehr Informationen gibt es auf www.tanzbarbremen.com.

Interview: Heike Mühldorfer für glucke-magazin.de

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