#graphicnovel: Im Schatten des Krieges

Sarah Glidden ist mit Freunden im Nahen Osten unterwegs. Credit: Reprodukt/Glidden

Es ist eine Reise wie keine andere: Die Comiczeichnerin Sarah Glidden begleitet 2010 zwei befreundete Reporter zu einer Reise in den Nahen Osten und kommt verändert zurück. Auf die freudige Begrüßung ihrer Mutter und das spontane Angebot, ein neues Restaurant auszuprobieren, kann sie sich nicht ohne weiteres einlassen. Zu kontrastreich sind die beiden Welten: Die, in der sie aufwuchs und die, die sie fern der USA für zwei Monate kennenlernte.

Hinter den Kulissen des Nachrichtentheaters

Die Gruppe bereist Syrien, den Iran und die Türkei. Glidden, die bereits die politisch angehauchte Graphic Novel „Israel verstehen in 60 Tagen oder weniger“ herausbrachte, will die Spuren des wahren Journalismus aufspüren: Wie objektiv kann ein Reporter sein? Was bedeutet Wahrheit? Wie entsteht eine Geschichte? Gliddens Erklärungsansatz bleibt jedoch ein Versuch. Zwar dokumentiert sie auf immerhin knapp 300 Seiten fast fotografisch die Reise und die Spannungen innerhalb der Gruppe, aber abgeschlossene Reportagen liefert sie nicht. Vielmehr ergibt der Comic ein Stimmungsbild der ambitionierten Reporter, die sich immer wieder auf eine Gratwanderung begeben. Wer kauft die Story? Ist die Quelle glaubwürdig? Was macht einen guten Journalisten aus?

Eine Graphic Novel mit viel Text und teilweise wenig spannenden Bildern. Credit: Reprodukt/Glidden

Graphic Novel ohne Dramaturgie

Das Genre Comic bietet mehr Möglichkeiten als fotorealistisches Dokumentieren. Geschickte Dramaturgien zwischen Bild und Sprache vermisst man als Graphic-Novel-Liebhaberin bei Sarah Glidden. Dafür gibt es viele Bilder in Pastellfarben, die dennoch das Einzigartige und Typische der Länder auslassen. Die Eroberung übervoller Panels gleicht manchmal einem Kampf, der nicht belohnt wird, denn oft stehen Nebensächlichkeiten in den Blasen. Glidden legt sich eine schon fast manische Dokumentationspflicht auf. Doch mehr bringt nicht immer mehr Verständnis. Geschickt wäre es gewesen, Zusammenhänge motivisch zu erklären. Die Detailverliebtheit artet in Textwucher aus, sie hätte den Motiven jedoch gut getan. Die unterschiedlichen Länder sind in immer dieselben Aquarelltöne gekleidet.

Trotz dieser Schwächen gibt die Graphic Novel interessante Einblicke in die Flüchtlings- und Kriegsproblematik. Trotz der sechsjährigen Entstehungszeit bleibt das Thema aktuell, gerade nachdem Donald Trump zum neuen amerikanischen Präsidenten gewählt wurde.

Sarah Glidden: „Im Schatten des Krieges – Reportagen aus Syrien, dem Irak und der Türkei“, 298 Seiten, Verlag Reprodukt, 29 Euro.

Termine: Wer Sarah Glidden live treffen möchte, kann die Comiclesung in Hamburg am Donnerstag, 23. Februar, 20 Uhr im Kölibri – Kulturzentrum St. Pauli, Hein-Köllisch-Platz 12, besuchen.

Tipp: Zudem ist Gliddens Werk Teil der Wanderausstellung “Holocaust im Comic”, die vom 29. Januar bis 9. März in der Bildungsstätte Anne Frank, Hansaallee 150, in Frankfurt am Main zu sehen ist.

Reprodukt/Glidden

Text: Annica Müllenberg