#Ausflugstipp: Mythos Heimat und die europäischen Künstlerkolonien

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Fritz Mackensen, Hamme-Hütte, 1897, © Landesmuseum Hannover, VG Bildkunst Bonn, 2016

Künstlerkolonien sind Orte der Flucht aus der Stadt und den konservativen Kunstakademien. Für viele sind sie eine kleine Utopie und für einige auch ein Stück (neue) Heimat. Das Landesmuseum in Hannover zeigt die beeindruckende Ausstellung „Mythos Heimat“.

Über 200 Werke präsentieren die Geschichte der europäischen Künstlerkolonien. Wichtige deutsche Künstlerkolonien sind Worpswede (ab 1884), Ahrenshoop (ab ca. 1880) und Hiddensee (ab ca. 1900), aber auch einige in Süddeutschland. Zu Unrecht nicht so bekannt ist Schreiberhau in Schlesien, wo, wie in Hannover zu sehen ist, einige faszinierende Winterbilder entstanden sind. Künstlerkolonien finden ihren Höhepunkt zwischen 1875 und 1910.

Freiraum in der Künstlerkolonie

Meist siedelten sich zuerst einige PionierInnen an, die dann andere KünstlerInnen oder auch SchülerInnen nach sich ziehen. Die Ausstellung geht auf ungefähr 20 Orte näher ein. Die präsentierten Werke zeigen nahezu durchgängig Natur und Landschafts- bzw. maritime Motive. Die unterschiedliche farbliche Gestaltung der Wände in der Ausstellung, sie ist gegliedert nach den einzelnen Künstlerkolonien, kann als anregend erlebt werden. Es wird spürbar, dass dort gemeinsame künstlerische Impulse wirkten, sei es durch die typische Landschaft, wie Berge, Moor und Küste,  oder durch die angewendeten künstlerischen Mittel.

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Peder Severin Krøyer, Sommerabend am Südstrand von Skagen. Anna Ancher und Marie Krøyer, 1893, Öl auf Leinwand. © Den Hirschspungske Samling

Die Bedeutung der verschiedenen Kolonien für die Ausprägung der Kunst der klassischen Moderne ist aber sehr unterschiedlich. Die Künstlerkolonien sind zusammengefasst Orte einer auf Naturerfahrung konzentrierten, nachromantischen Kunst. Diese Reise in die Natur, die auch in den Motiven ihrer Bilder stattfindet, ist eine idealisierende, in die Vergangenheit weisende. Die Kolonien waren eben keine Wildnis, sondern wurden zu einem Arkadien zurechtfantasiert. Und bald zu Orten eines teilweise turbulenten Tourismus. Ihre Existenz ist daneben der Erfindung der Tubenfarbe zu verdanken, die es erstmals ermöglichte, direkt im Freien zu malen – und der der Eisenbahn, die die MalerInnen schnell von den Metropolen in die Dörfer oder an die Küsten brachte. Künstlerkolonien sind nicht zuletzt ein relativer Freiraum für Künstlerinnen.

Kunst für Kunden

Die Einführungstexte in der Ausstellung sind allerdings etwas arg kurz (PDF). Der Ausstellungskatalog ist dafür umso voluminöser, und die Abbildungen dort von sehr guter Qualität. Die einführenden (vier) Artikel zur Künstlerkolonieforschung sind reflektiert und sehr lesenswert. Im Katalog tritt eine eigentümliche Spannung zutage: Diese vier Artikel kritisieren und problematisieren das, was dann die Mehrheit der nachfolgenden Aufsätze tut: Die Kolonien idealisieren, oder sich in der Forschung verkürzend auf Biografien und persönliche Anekdoten als Quellen stützen. So oder so, die Maler und wenigen Malerinnen in den Kolonien waren nicht vom Lauf der Welt abgeschieden (auch so eine Legende über Künstlerkolonien) und sie malten nicht das, was sie vor sich hatten, sondern das, was sie durch ihre Wünsche und Fantasie sehen wollten; und was sie vermuteten, dass ihre Kunden in den Städten es auf den Bildern dann gerne hätten.

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Die blaue Stunde, Barkenhoff 1914, von Heinrich Vogeler. © Landesmuseum Hannover

Mythos Heimat. Worpswede und die europäischen Künstlerkolonien, Landesmuseum Hannover, noch bis 26. JuniUPDATE: bis zum 17. Juli 2016 verlängert, Eintritt 10, ermäßigt 8 EUR.

Ausstellungskatalog: Thomas Andratschke (Hrsg.): Mythos Heimat. Worpswede und die europäischen Künstlerkolonien, Sandstein Verlag, Dresden 2016, 536 Seiten, 480 meist farbige Abb., 58 EUR (im Museum 29,90 EUR) (Link zur Leseprobe).

Und wer Lust auf mehr Kunst hat: Gleich neben dem Landesmuseum Hannover findet ihr das Sprengel Museum mit weiteren Werken aus der klassischen Moderne. Neugierig? Dann erfahrt hier mehr: #Ausflugstipp: Klassische Moderne in Hannover

Text: Bernd Hüttner