#Buchtipp: Jesper Juul und Eltern als Leitwölfe

Jesper_Juul_Beltz_webKinder haben Weisheit und viele Kompetenzen – aber keine Erfahrung. Deswegen brauchen sie keine Erziehung oder Hilfe, sondern vor allem Vertrauen und Führung. Viele Eltern haben heute dieses Vertrauen weder zu sich selbst noch zu ihren Kindern. Sie spielen nur eine Rolle, statt authentisch zu sein. So lauten die zentralen Aussagen des neuen Buches von Jesper Juul. Er hat mit seinem Buch „Leitwölfe sein“ (wieder) ein hilfreiches und ehrliches („die besten Eltern machen zwanzig Fehler am Tag“) Buch veröffentlicht. Es kann allen Eltern, die für sich und mit ihren Kindern den richtigen, ausgewogenen Weg zwischen Individualität und Anpassung suchen, nur empfohlen werden.

Hilfestellung für verunsicherte Eltern

Er dürfte mit Remo Largo der bekannteste linksliberale „Erziehungspapst“ sein und hat schon sehr viele Bücher veröffentlicht. Mit seinem neuen wendet er sich auch ausdrücklich gegen die in den letzten Jahren aufgrund der Verunsicherung sehr vieler Eltern immer mehr in Mode gekommene Debatte darüber, dass Kinder „Grenzen brauchen“ oder gar mehr Disziplin. Juul verspricht keine Allheilmittel, und bedenkt, dass es die perfekten Eltern nicht geben kann.

Immer wieder weist er darauf hin, dass den heutigen aktiven Eltern, und das dürften die geburtenstarken Jahrgänge ab 1964 (bis ca. 1985) selbst Vorbilder fehlen. Sie haben sehr vieles als selbst noch Kinder waren, nicht erlebt, da ihnen ihre Eltern darin kein Vorbild waren. Sie haben und sie deswegen auch heute Schwierigkeiten damit, ihren Platz zu finden und über die Jahre auszuüben – und ggf. ihre Position zu überdenken. Juul weist darauf hin, dass die Zuschreibung von Autorität durch die Rolle oder die Funktion (der Lehrer hat immer recht) heute überholt sei, und diese Zuschreibung zurecht durch eine aufgrund von Autorität (der Lehrer hat recht, weil er authentisch und engagiert ist) ersetzt worden sei.

Regeln statt Grenzen in der Erziehung

Die vielzitierte, klassische, alte Form der Führung basierte und gründet sich auch heute noch auf Hierarchie, Macht und Angst (Subjekt-Objekt-Beziehung)  – statt auf Respekt, Vertrauen, persönlicher Verantwortung und eine Subjekt-Subjekt-Beziehung. So gibt es heute ein zu viel an Erziehung und zu wenig Authentizität. Selbstverständlich muss es auch Werte und Regeln geben, das sei aber etwas anderes als die vielzitierten „Grenzen“. Juul hält Regeln (statt Grenzen) für wichtig und nennt als die vier wichtigsten Werte: Integrität Authentizität, persönliche Verantwortung und die von ihm „erfundene“ Gleichwürdigkeit. Zum Schluss zählt er die fünf Fallgruben für Leitwölfe auf. Wetten wir, dass ihr euch selbst oder Eltern aus eurem Freundeskreis in einigen Beschreibungen ansatzweise wiedererkennen?

Lest oder verschenkt das Buch! Sucht das Gespräch! Mit anderen Eltern und vor allem mit (euren) Kindern! Mein zwölfjähriger Sohn sagte sofort, als er es auf dem Küchentisch liegen sah: „Ok, dann bist du bei uns der Leitwolf, Papa“. Ich, er und die 18-jährige Tochter hatten danach persönliche dreißig Minuten und einen anregenden Austausch, als ich aus dem Inhalt des Buches erzählte.

Text: Bernd Hüttner

Jesper Juul: Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie; Beltz Verlag, Weinheim 2016, 214 S., 16,95 EUR