Bremer Orte: Kultur und Stories vom alten Güterbahnhof

Alt, ein bisschen abgeschrabbelt, rote Klinker – einfach schön! Alte Lagerhallen und Fabrikgebäude von damals geben einer Stadt für mich Flair. Der alte Güterbahnhof ist so ein Ort. Hier war ich bisher nur sporadisch beim Klettern oder Feiern. Aus Neugier habe ich die Güterbahnhof Führung von vier StudentInnen der Hochschule Bremen genutzt und viel Neues gelernt. 

Schöne alte Hallen aus dem 19. Jahrhundert bieten Bremer Künstlern und Bands ein neues Zuhause

Schöne alte Hallen aus dem 19. Jahrhundert bieten Bremer Künstlern und Bands ein neues Zuhause

 

Heute: Kultur, Freizeit, Ateliers und eine Wagenburg

Viele Bremer dürften das Güterbahnhof-Gelände zumindest als sehr günstigen Parkplatz kennen. Für nur 2,50 Euro kann das Auto hier den kompletten Tag stehen bleiben. Dabei ist in den alten Lagerhallen ordentlich was los. Sport- und Kletterbegeisterte gehen hier auch zum Bouldern.  Die Boulderhalle Linie 7 ist eigentlich immer voll. Wer abends was erleben will, tigert zum Tanzen zur Spedition oder schaut sich Theaterstücke in der Schaulust an. Viele der Lagerhallentore sind aber tagsüber geschlossen. Nur an einigen Toren verraten Schilder, dass hier abends Tanzkurse laufen. Andere geben mir Rätsel auf. Wie ich beim geführten Rundgang lerne, sind die meisten Hallen an rund 200 Künstler und Bands vermietet. Hauptmieter und Verwalter ist der Verein 23, der hier im Künstlerhaus sitzt. Wer um das Künstlerhaus herumläuft, entdeckt Bremens Wagenburg-Camp. Direkt hinter dem Güterbahnhof haben die Querlenker ihre eigene Welt aus Bauwagen gebaut. Besucher sind an Tagen der offenen Tür oder zu Festen willkommen.

Gestern: Von Bananen, Koffern und Weltreisen

Wie der Namealter Güterbahnhof bereits verrät, landeten hier einst viel Güter per Zug in Bremen. Dank meiner kompetenten Führer, den angehenden FreizeitwissenschaftlerInnen Katja Soeltenfuss, Katharina Hahn, Sebastian Bratschke und Janek Burgdorff, weiß ich jetzt mehr über die Geschichten hinter den Hallenfassaden. Wo heute im Gleis 9 wild gefeiert wird, befriedigten die Bremer um 1908 noch ihren Hunger auf exotisches Obst am Bremer „Fruchthof“. Dabei ist eigentlich ein anderes Gebäude bei den Bremern als „Fruchthof“ bekannt –  so listet Wikipedia heute den 50er-Jahrebau am Breitenweg 29–33. Vor dem Krieg lief der Bananenhandel aber noch am Gleis 9.

alte_bananenreiferei

Dieses uralte Schild verrät noch was im Keller unter dem Güterbahnhof zu finden war.

Nicht nur das Gleis 9 hat eine Bananengeschichte. Direkt unter der Kletterhalle vom Gleis 7 im Keller verstecken sich alte Bananenreifekammern und dank Führung darf ich in den dunklen Keller klettern. Die Reifekammern selbst sehen unspektakulär aus, erfüllten aber einen interessanten Zweck. Damit die Bananen aus Lateinamerika nicht als brauner Matsch in Bremen ankamen, wurden sie in diesen Kammern mit Bananen-Reifegas künstlich nach gereift. Wo heute die Spedition steht, ist gestern ein Bremer Unternehmen mit einer Koffer-Geschichte groß geworden. Wer heute auswandert und seine Möbel mitnehmen möchte, kann die Firma Wilhelm Rosebrock und Co. KG anrufen. Das Bremer Traditionsunternehmen bietet auch heute noch Logistikdienstleistungen für Firmen und Privatpersonen an. Vor über hundert Jahren, um 1897, startete Wilhelm Rosebrock  sein Logistikunternehmen – damals noch als Koffertransport per Pferd und Wagen.

Bremens 120 Jahre alte Hallen zeigen sich heute bunt, schräg und grün. Wer tagsüber längs der Hallen bummelt, kann zwischen Urban Gardening Blumentopf-Installationen noch die Spuren  alter Koffer- und Bananengeschichte entdecken.

Alte Backsteinhallen statt glitzernder Stahlfassaden

Fast hätte Bremen das Gelände und die schönen alten Hallen platt gemacht. Ausgerechnet  Regionalzüge haben dafür gesorgt, dass sich mitten in Bremen noch ein Fleckchen mit bunter, leicht abgewrackter und verlottertem Look finden lässt.

Seit 26 Jahren läuft hier keine Güterabfertigung mehr. Sie ist seitdem in Bremens Neustadt umgezogen. Anfangs hatte die Stadt für diesen Fleck viele Ideen für neue Bauprojekte, die denen der Überseestadt ähneln. Lediglich weil eine Brücke über die Gleise zu teuer geworden wäre, blieb in Bremens Mitte Platz für Kultur und die Originalgebäude. Aktuell muss der Verein 23 einen neuen Nutzungs- und Mietvertrag mit der Stadt aushandeln. Da Bremen das Güterbahnhofgelände dank der Gleise aber nicht so leicht an Investoren loswerden dürfte, stehen die Chancen gut, dass hier weiter ein buntes Kultur-Potpourri gedeiht. Die Führung „Der Güterbahnhof im Wandel – Eine Führung vom Umschlagplatz zur alternativen Kulturstädte“ zählt leider noch nicht zu den offiziellen Stadtführungen der Bremer Touristikzentrale.

Wer einen Blick in die Künstlerateliers werfen will, schaut am besten in den Verein 23 Kalender nach der nächsten Ausstellungseröffnung und behält den August im Hinterkopf. Laut Künstlerin Gertrud Schleising ist dann der nächste Tag der offenen Tür angedacht. Bis dahin gibt es am alten Güterbahnhof auch so viel zu sehen! Die alten roten Backsteinhallen strahlen eine gewisse Ruhe aus. So als wollten sie sagen: „Wir waren gestern schon da und werden auch morgen noch da sein. Setz dich kurz und vergiss die Zeit.“

Text und Fotos: Janina Weinhold