#Ausstellung: Im Inneren der Stadt – Codewort Elixier

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Wissen verhilft zum Vorsprung: Wo das Elixier-Schild hängt, gibt es die Kunst im Glas. © Foto: Heike Mühldorfer

Mit der Kunst im öffentlichen Raum ist das so eine Sache. Installationen und Skulpturen machen sich ihre Umgebung zu eigen, stellen sich ihrem Publikum quasi in den Weg. Dass sich Kunst auch auf subtile und spannendere Weise präsentieren kann und soll, möchte die stadtumgreifende Gemeinschafts-Ausstellung „Im Inneren der Stadt“ belegen, bei der öffentlicher Raum sowie die drei beteiligten Kunst-Räume Gesellschaft für Aktuelle Kunst, Künstlerhaus Bremen und Zentrum für Künstlerpublikationen zu Ausstellungen mutieren. Janina und Heike haben sich auf die Schnitzeljagd im (halb-)öffentlichen Raum eingelassen – auf der Suche nach der Kunst im Glas. Unser Codewort: Elixier.

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ELIXIER – ein Projekt der Bremer dilettantin produktionsbüro. © Foto: GAK

Erste Station: GAK in der Weserburg

Dass experimentierfreudigen Getränkeliebhaber die kleinen „Elixier“-Aufkleber im Fenster entdecken ist eher unwahrscheinlich und die Drinks stehen auch nicht auf der Getränkekarte. Elixier-Sucher sollten deshalb in der GAK starten und sich die Karte für das Kunstprojekt suchen. Hier testen wir gleich das Codewort. Nach ein paar Minuten Wartezeit serviert man uns zwei Weingläser mit einem orangenfarbenen, leicht trüben Getränk auf einem Bierfilz mit der Aufforderung: „Tu dir Gutes“. Welche „Kunst im Glas“ uns verwöhnen soll, können wir nicht ganz herausschmecken (Heike: „irgendwie blumig bis seifig“, Janina: „Der Nachgeschmack erinnert mich an den Rosentee vom Weihnachtsmarkt“). Tatsächlich ist der Name Programm – ein Elixier ist schließlich ein „in Wein oder Alkohol gelöster Auszug aus Heilpflanzen mit verschiedenen Zusätzen, denen eine verjüngende und/oder lebensverlängernde Wirkung zugeschrieben wurde“.

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Signiert und nummeriert: Ein Bierfilz als Teil der Kunstaktion Elixier. © Foto: Heike Mühldorfer

Zweite Station: Der Friseur

Noch fühlen wir uns nicht verjüngt und radeln deshalb weiter zum nächsten Ort, dem Friseursalon Luca Rizzo in der Böttcher-Straße. Hier setzt man uns auf Frisierstühle und mixt uns auf das Codewort „Elixier“ auch ein Getränk zusammen, während wir gespannt den normalen Alltag im Friseursalon beobachten. Als unser Elixier – eine milchige Flüssigkeit im Latte-Glas – vor uns steht, kommt der Haarmeister Luca Rizzo persönlich und fragt uns was wir schmecken. Diesmal fällt das Urteil recht einhellig aus – Mandel, wie in Amarettini. Mit Zimt. Rizzo freut sich und verrät uns, dass Mandeln typisch für seine sizilianische Heimat sind. Dort ist Mandelpaste eine der Grundzutaten für Getränke und Süßspeisen schwärmt er und erzählt, dass diese süditalienische Spezialität in Bremen recht schwer aufzutreiben ist. Angenehm! So lernen wir ganz ohne Haarschnitt-Termin etwas über italienische Lebensart und Genuss.

Dritte Etappe: Der Möbelladen

Wie mag wohl ein Möbelladen-Getränk schmecken, fragen wir uns und radeln zu HAY. Wir werden freundlich von Birte Tönnies empfangen, die in der Mitarbeiter-Küche verschwindet. Wir warten auf dänischen Designerstühlen auf unser drittes Elixier. Es landet im HAY Tela Glas bei uns am Tisch. Wieder ist unser Elixier eher orange-bräunlich und wir raten Zutaten. (Janina: „Schmeckt wie Maté-Tee“, Heike: „Da ist eindeutig Tee drin“). Birte Tönnies verrät uns: wir liegen daneben. Das Elixier besteht aus Kräuter-Auszügen nicht aus Tee. Welches Kraut drin steckt, verrät sie uns allerdings nicht. Mit all den Kräuter und Gewürzauszügen im Kopf sind wir uns einig, dass wir unsere Schnitzeljagd von Ort zu Ort vielleicht lieber auf verschiedene Tage verteilt weiterempfehlen würden.

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Kunstvoller Abschluss mit Kardamom im Canova. © Foto: Heike Mühldorfer

(Vorerst) letzte Station: Die Bar

Jetzt wollen wir aber noch wissen, was uns an einer typischen Bremer Bar erwartet. Wir radeln ins Canova in der Kunsthalle und bestellen auch hier blind das Elixier. Diesmal wird es professionell im Cocktailmixer gemischt und enthält eindeutig Alkohol. Als uns der Drink serviert wird, staunen wir nicht schlecht. Er ist grün, enthält Kohlensäure und es schwimmen Stückchen drin, die an schrumpelige Möhre erinnern. Wir probieren das Gebräu und sind etwas ratlos. Es schmeckt mehr als ungewöhnlich. (Heike: „Estragon und Anis“, Janina ist völlig ratlos). Auf einen Tipp von der Bar hin erfahren wir zumindest, dass unsere „Möhrenstückchen“ in Wirklichkeit Kurkumawurzel ist und der Cocktail einen Teil weißen Portwein enthält.

Unser Fazit: Ausprobieren, rätseln, philosophieren

Es ist das Aufeinandertreffen von Genuss (= Drink + gemeinsam verbrachte Zeit) im (teils) ungewöhnlichen Umfeld und mit ganz normalen Menschen, das so neugierig auf diese Live-Kunstaktion ohne Anleitung macht. So wird Jede/r selbst zum Teil der Kunst – allerdings wird es einer/m nicht leicht gemacht. Den Drink bekommt nur, wer schon vorher eingeweiht wurde. Zufällig findet niemand den Weg zum Kunstort nur über den kleinen Sticker an der Fensterscheibe. Auch die jeweilige Getränkekomposition ist nicht selbst erklärend. Das führt einerseits zu anregenden Diskussionen und wilden Vermutungen (Drink + Ort = ?) – die aber nur ein einziges Mal komplett aufgelöst wurden (Danke, Luca Rizzo!). Was bleibt? Auf jeden Fall aus (fast) jedem Ort der limitierte signierte Bierfilz. Sechs weitere Orte und ihre Elixiere, die es zu entdecken gilt. Und – wieder einmal – die Erkenntnis: Kunst ist vielleicht nur Geschmackssache.

Noch bis zum 11. Oktober 2015 können an ungewöhnlichen Bremer Orten unter dem Codewort „Elixier“ zehn Drinks entdeckt werden. Die Zutaten für diese temporäre Kunstausstellung im (halb-)öffentlichen Raum sind nebst Codewort: Aufkleber an Fensterscheiben, Bierdeckel und ungewöhnliche Getränkezutaten. Ausgedacht hat sich diese Aktion das Bremer Dilettantin Produktionsbüro. Als Teil der Gesellschaft für Aktuelle Kunst-(GAK) -Ausstellung “Im Inneren der Stadt. Öffentlicher Raum und Frei-Raum” hat das Künstlerinnengespann in sechs Gastrobetrieben, einer Eisdiele, einem Friseursalon, einem Möbelladen und in der GAK selbst Getränkerezepturen versteckt.

KooperationspartnerInnen sind das Restaurant Canova, Feines Feinkost, Grashoffs Bistro, Kino Gondel, HAY Bremen, Karton, Knubkes Café, Bio-Eisdiele Kaemena im Blockland und der Friseursalon Luca Rizzo. Jedes Getränk kostet zwischen 3 und 7 Euro.

Text: Janina Weinhold, Heike Mühldorfer, Fotos: Heike Mühldorfer