#bremen: Hemelingen goes Hafen City, Ahoi!

Die Stadtspaziergänge vom Autonomen Architektur Atelier (AAA) sind in Bremen mittlerweile der Renner. Laut Anmeldezahlen für die kombinierte Bootsfahrt vom Hemelinger Allerhafen bis zur Hafen City Bar waren 130 Bremerinnen und Bremer mit dabei. Gefühlt war unser Entdeckertrupp 200 Mann stark. Da haben selbst Daniel Schnier und Oliver Hasemann von den AAA nicht schlecht geschaut und sich sicher ein Megafon gewünscht. Am Startpunkt am Sebaldsbrücker Bahnhof kletternten beide auf die Treppe am alten Bahnhof, um ihre Gschichte zum Sebaldsbrücker Bahnhof von ihrer Bühne mit  Balustrade zu brüllen. Wer hätte das gedacht? Der Sebaldsbrücker Bahnhof war früher, um 1866, eine begehrte Schmuggelgrenze zwischen der freien Hansestadt Bremen und dem Königreich Hannover.

Die Herren von den AAA auf der Balustrade (einem Treppenaufgang am Selbaldsbrücker Bahnhof)

Daniel Schnier und Oliver Hasemann und  vom AAA auf der Balustrade (einem Treppenaufgang am Selbaldsbrücker Bahnhof)

Schmuggelstories aus dem ehemals hannoversch-bremischen Grenzgebiet

Die Grenze verlief etwa längs der Bahngleise zwischen Sebaldsbrück und Hannover. Sebaldsbrück zählte damals nur zum Teil zu Bremen, Hastedt, Arbergen, Hemelingen und Mahndorf waren noch Dörfer und zum Kurfürstentum Hannover. In Hemelingen siedelten sich Zigarrenfabrikaten und Industriebetriebe, wie die heute noch stehende Wilkens & Söhne Silberwarenfabrik (1859) und die Hemelinger Aktienbrauer AG (1976) an. Als die Preußen 1854 dem Deutschen Zollverein beitraten, blühte dann der Schmuggel, weil in Sebaldsbrück an der Grenze dann für alle Waren immer Zoll fällig wurde. Weiter ging’s die Hemelinger Bahnhof Straße längs, und dann zum „Wurst Case“ Co-Working-Lab auf dem ehemaligen Könecke-Gelände (der „kriminelle Wurstfabrikant“ kam übrigens aus Walle).

Eine unangenehme Bremer Bier-Wahrheit & Silber-Nostalgie

Stop 2 führte an Coca Cola vorbei zum Hemelinger Bunker, in dem nur zwei bis drei Prozent der Hemelinger Platz finden würden. Hier sitzt das legendäre Geschäft „Eisen Werner“ – dort gibt es wirklich noch alles für den Haushalt; auch Türbeschläge, die es im Baumarkt nicht mehr gibt. Wo heute Coca Cola sitzt, saß mal die Hemelinger Brauerei. Neu für mich war, dass Hemelinger von Getränke Ahlers (Hol ab-Getränkemärkte) aufgekauft wurde und seit Anfang 2012 u.a. bei Wolters in Braunschweig gebraut wird.

Liebe Bremer Bier-Lokalpatrioten: Was bleibt da noch von „Bremens Bierspezialität – Reicht doch?“ … Das Rezept!

Wirklich noch echt ist dagegen Stop 3, die wunderschönen alten Fabrikgebäude der Wilken’s und Söhne Silbermanufaktur.

Gleise und Autobahnzubringer versperren die Hemelinger„Waterfront“

Unser Spaziertrupp hetzt dann über den Autobahnzubringer Hemelingen und einen Gleisübergang zum Allerhafen Becken, um die Bremer Hanseat zu erwischen. Oliver Hasemann und Daniel Schnier könnten sich einen direkten Weg zum Hafenbecken vorstellen. Da Menschen in der Regel Wasser lieben, liegt hier in Hemelingen eine Hafenanlage brach, die sicher beliebtes Ausflugsziel wäre, sobald es beispielsweise Sitzmöglichkeiten oder ein Restaurant als Anlaufspunkt gäbe. Noch ist so eine Promenade an der Waterkant in Hemelingen nicht in Sicht. Dafür kommt aber die Hanseat endlich im Hafenbecken an und der Stadtspaziergang geht an Bord mit der „Golden City“-Gang weiter.

Tschäbbebbedibäng: Leinen los mit Ramona auf Wasser-Entdeckungskurs

Die Golden City-Gang „Ramona“, „Ramon“ und „Rammé“ schippert mit den Spaziergängern aus dem Allerhafen Richtung Weser-Schleuse und hat einige Überraschungen an Bord. Männer vom Fach, darunter Detlef von Horn vom Sebaldsbrücker Geschichtskreis, sowie Vertreteter vom Hemelinger Beirat und dem Bremer Bausenat erzählen Historisches und viel zum heutigen Hemelingen und wo es mit dem Stadtteil neu hingehen soll. Zwischendrin schmettert „Ramona“ Seemanns-Shantys, Hildegard-Kneef-Adaptionen und plötzlich entert „Ramon“ die Hanseat. Pech für das Publikum: Ramon ist ein Profi-Schmuggler und hat uns sehr bald einen Schnaps vertickt – als Produktentwickler von „Pleasure und Plietsch“. Neben Schmuggeltricks präsentiert uns die Golden City Crew das Projekt „bay-WATCH“ auf der Landzunge an der Weser beim Bremer Yachtbaubetrieb Drettmann. Hier steht eine bunte selbst-gebaute Kolonie für Kunst und alternatives Wirtschaften. Alle Bremer dürfen hier neugierig reinschauen. Eine Frau aus dem Publikum murmelt „Sieht aus wie bei Pippi Langstrumpf“.

Der Künstler André Sassenroth vom bay-Watch verrät uns noch: Am 29. August geht bei dem Projekt die Luzy ab. Offenbar braucht das Publikum Sportklamotten und ein starker Kaffee wäre auch angebracht, weil das Spektakel bis in den Morgen gehen soll. Mehr verrät er nicht und springt kurzerhand von Bord und schwimmt rüber in sein temporäres Dorf.

Goooolden Ciiity in Sicht

Die Hanseat schippert dank Sonderschleusung sicher durchs Weserwehr und während weiter über Hemelingens Zukunft diskutiert wird, landen wir – unbemerkt am Weserstadion vorbei – im Europahafen bei der Golden City Bar. Dort ist am Samstag, den 4. Juli, „Tag der offenen Pendeltür“. Wer mit Ramona, Ramon und Rammé noch kein Bier getrunken hat, sollte diesen Tag nutzen. Nebst Gesang, Gepuschel und Geblockflöte gibt’s ab 16.00 Uhr mehr darüber, woraus die Hafenbar gebaut ist, die Highlights aus drei Jahren Hafenbar und ab 17:30 sind die „Tee FriesenBrothers“ auf der Bühne. Und das kostenlos. Mehr zum Golden City Programm gibt es hier

Und die Termine der nächsten Stadtspaziergänge gibt es hier.

Text: Janina Weinhold