#moodtour: Sechs Tage voller Mut und Muskelkraft. Ein Tagebuch.

Mood Tour, Sebastian Burger

Sebastian Burger aus Bremen ist Initiator der „Mood Tour“. Foto: Sebastian Burger

Ja, ich habe mich getraut, ich wollte Mut beweisen und habe mich entschieden, einige Tage das rollende Aktionsprogramm „Mood Tour“ zu begleiten. 64 Menschen mit und ohne Depressionserfahrung fahren in Etappen auf Tandems durch Deutschland und machen Stimmung gegen die Stigmatisierung der Krankheit. Die Teilnehmer wechseln alle zehn Tage. Der Startschuss fiel am 14. Juni in Leipzig. Auf die Beine gestellt hat das Mammutprojekt ein Bremer: Sebastian Burger. Eigentlich wohnhaft in der Neustadt, ist er nun bis zum 20. September in wechselnden Regionen im Zelt beheimatet. Er ist der Einzige, der die rund 7.000 Kilometer von der Ostsee bis an den Alpenrand und vom Ruhrpott bis an die Spree komplett fährt. Den zweiten Tandemsattel hat er für mich freigehalten.

Mood Tour, Label, Annica Müllenberg

Das Label steht auf allen Tandems. Foto: Annica Müllenberg

Mood Tour, Erfurt, Sebastian Burger

Die Krämerbrücke in Erfurt, auf der Häuser stehen, sodass man den Fluss nicht sehen kann, ist mit Schirmen gesäumt. Foto: Sebastian Burger

Tag 1.

Ich treffe die Gruppe in Weimar, mitten im Ilmtal – einem verträumten Fleckchen Erde in Thüringen, das Goethe schon für sich entdeckt hatte. Sebastian ist außer Atem und nicht in der besten Stimmung: „Wir haben uns verloren, es ist nicht mein Tag.“ Als Erster erreicht er den Treffpunkt und steigt von dem vollbepackten Tandem, das er alleine gefahren ist. Wer das Gefährt sieht, hat den Eindruck, eine Weltreise liege vor der Gruppe. Am Lenker ist die mobile Schaltzentrale des Outdoorbüros installiert: Smartphone, Navigationsgerät und Tablet dürfen nicht fehlen – ebenso wenig die Fußballklingel. Im Gegensatz zu den Teilnehmern nimmt sich Sebastian kaum Zeit für Blicke in die Natur – die Tour ist harte Arbeit. Ein Dreivierteljahr hat er sie am Schreibtisch vorbereitet. Nun ist Muskelkraft gefragt.

Mood Tour, Weimar, Sebastian Burger

Von Weimar bis Erfurt wurden wir von einigen lokalen Radlern begleitet. Foto: Sebastian Burger

Nach einer Stärkung mit frischem Früchtekuchen sieht die Welt schon anders aus. Erst recht, wenn sich zur Mitfahraktion besondere Teilnehmer melden. An den besagten Aktionstagen können Interessierte die drei Tandems ein Stück auf ihrem Rad begleiten. In Weimar schließt sich neben dem ADFC-Team-Thüringen ein „Mood Tour“-Fan an. Um die Gruppe bis nach Erfurt zu begleiten, hat er sich 7 Uhr in Leipzig auf den Sattel gesetzt. Weit über 100 Kilometer stehen auf seinem Tacho. Am Ortseingang Erfurt rufen uns Fußballfans das Ergebnis zu. Der Gruppensieg der deutschen Mannschaft ist Sebastian ein kräftiges Klingeln wert, obwohl er sich gar nicht für das runde Leder interessiert. Aber für die Teilnehmerin Gertrud, die die erste Halbzeit noch in die Pedale treten musste, ist es ein kleiner Trotz und ein Motivationskick.

Mood Tour, Erfurt, Annica Müllenberg

Sebastian im Gespräch mit Journalisten in Erfurt. Foto: Annica Müllenberg

2. Tag

Nach dem das puppenstubenartige Fachwerkhausidyll von Erfurt hinter uns liegt, breitet sich Thüringen in seiner vollen Farbenpracht vor uns aus. Kleine Dörfer, sattgrüne Wälder und sonnengelbe Gerstenfelder fliegen zu beiden Seiten vorbei und ich kann mich in Ruhe sattsehen. Ich genieße es, erstmals im Leben freihändig zu fahren. Der hintere Tandemplatz macht es möglich. Zwar muss ich in die Pedale treten, für die Lenkung und das Bremsen ist jedoch komplett der Pilot verantwortlich. Das ist nicht ganz einfach am Anfang, doch schnell vertraue ich Sebastian blind – schließlich ist er schon durch Asien und Südamerika geradelt. Als die kunterbunte Mittelalterstadt Arnstadt durchquert ist, denken wir an die Nachruhe. „Wir brauchen einen See“, sagt Richard und beugt sich über die Karte. Ein Tümpelchen bei Döllstedt wird es werden – man kann nicht alles haben. Nachdem sich die Gruppe im schlammigen Nass abgekühlt hat, werden wir doch noch verwöhnt. Gertrud und Dennis zaubern ein traumhaftes Abendessen aus der Freiluftküche. Müde sinke ich in eine eiskalte Nacht.

Mood Tour, Tankstelle, Annica Müllenberg

Mit dem Tandem zur Tankstelle? Sebastian füllt Benzin für den Kocher. Ganz ohne Sprit geht es auch für Tandemfahrer nicht. Foto: Annica Müllenberg

3. Tag

Der Morgen beginnt für die Mood-Tourlinge früh: 7 Uhr flötet Sebastian normalerweise neben jedem Zelt und ruft im Wecksingsang die Namen. Heute wird er als Erster geweckt, von einem verärgerten Angler. „Kontrolle“, schallt es gegen 6 Uhr über den vom Frühnebel dampfenden See in die friedliche Landschaft. „Sie dürfen hier nicht zelten. Das ist verboten, ich hole die Polizei“, schimpft er. Nach ein paar Minuten lässt er sich allerdings beruhigen. Mit den Worten: „Ich kann Ihnen noch andere Schlafplätze zeigen“ zieht er freundlicher von dannen und kurz darauf höre ich ein Ploppen. Ein Stück weiter hat er sein Angelplätzchen gefunden und die Angel ins Wasser geworfen. Es wird ein heißer Tag. Nach einem ausgiebigen Frühstück nehme ich auf dem Pino Platz. Das ist ein Tandem, bei der der Co-Pilot vorn halb im Liegen sitzt und nach vorn tritt. Ich lasse mich von Dennis, dem Fahrer, durch leicht hügelige Waldwege schunkeln. Auf einer landwirtschaftlichen Waage wollen wir Gewissheit über unsere Gewicht haben. Ein Traktorfahrer klettert von seinem Sitz und bringt die noch manuell betriebene Waage ins Lot: „580 Kilogramm“ ruft er uns nach draußen zu. Das bringt keine Erleichterung, aber Stolz. „Wir bewegen mehr als eine halbe Tonne durchs Land“, sagt Dennis. Nicht alle Fahrer sind so geübte Radsportler wie Sebastian und trotzdem treten sie zehn Tage lang kräftig in die Pedale. Für manche ist es Premiere auf dem Tandem und im Zelt.

Mood Tour, Landschaft, Sebastian Burger

Fast verblühte Landschaften in Thüringen. Foto: Sebastian Burger

In Rudolstadt herrscht reges Treiben auf dem hübsch restaurierten Marktplatz. Unsere drei Tandems sind eine Sensation. Ein älterer Herr bleibt staunend neben ihnen stehen. „Wollen Sie mitfahren“, ruft ihm Sebastian scherzhaft zu. Doch er winkt ab, will stattdessen wissen, wohin wir wollen. Wir erklären ihm eifrig die Mission und verschenken auch Flyer an zwei interessierte Holländer. Gestoppt wird unterwegs nicht nur für Neugierige – immer wieder auch für Kirschen, Erdbeeren und Heidelbeeren, die wild wachsen. Am Nachmittag kündigt sich der nahende Rennsteig mit ein paar heftigen Steigungen an. Wir kämpfen die 580 Kilogramm den Berg bis Schwarzach hinauf. Auf über 300 Höhenmetern gibt es als Belohnung für den knurrenden Magen erst einmal hausgemachte Paradiestorte und für die weichen Beine eine steile Abfahrt. Mitten im Wald an einem kleinen Flüsschen finden wir unser Nachtlager – die Natur bietet doch die besten Wohnzimmer, mit immer wechselnder Deko. Dennis und Gertrud brutzeln auf dem Campingkocher Spätzle, die trösten die Anstrengungen hinweg. Und das Highlight des Abends: „Schaut mal, Glühwürmchen“, rufe ich. Tatsächlich umtanzen die kleinen Leuchtkäfer unser Zeltdorf.

Mood Tour, Wegbesprechung, Annica Müllenberg

Wo geht es lang? Kurze Besprechung am Wegesrand. Foto: Annica Müllenberg

Über den zweiten Teil der Woche lest ihr demnächst hier.

Tagesaktuelle Infos zur Mood-Tour findet ihr auf www.facebook.com/MoodTour/

Text: Annica Müllenberg, Fotos: Annica Müllenberg, Sebastian Burger