#reisezeit: Naturzauber im Hexengarten

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Es waren einmal ein Farmer und seine Frau – ungefähr so lässt sich meine Geschichte über die Woche im „Witches Garden“ (Hexengarten) beginnen. Nachdem ich die größten Städte des Kontinents kennengelernt habe, suche ich das absolute Gegenteil: Ruhe, Natur, vielleicht sogar ein wenig Einsamkeit. Fündig werde ich vier Stunden nördlich von Melbourne im Mitta-Mitta-Tal. Lew McDonald, mein Boss und Gastgeber für die nächsten Tage, wollte mich eigentlich abholen, lässt zunächst aber auf sich warten. Wieso Boss, mögen manche nun fragen. Ich habe mich dazu entschlossen, als Freiwillige im Garten zu arbeiten und darf dafür ein eigenes Zimmer beziehen, bei der Familie essen und die Tierwelt beobachten.

Etwas unsicher steuert ein jung gebliebener schlanker Mitfünfziger mit zerzausten Haaren auf mich zu: „Are you Annica?“ Er reicht mir seine breite Arbeiterhand und entschuldigt sich, dass sie vom Motoröl etwas verschmiert ist. Aber so sei das eben auf dem Land. Der Traktor springe seit ein paar Tagen nicht mehr an. Ich bin froh, dass Lew die Arbeit am Motor unterbrochen hat, um mich abzuholen. Die Farm liegt nämlich eine Stunde von Albury entfernt. Unsere Fahrt führt über goldgelbe Hügel in steilen Kurven hinauf und hinab. Lew lenkt den Pick-up am Waldrand und an einem schnuckeligen Briefkastenhäuschen vorbei, an dem ein Metallschild „“Witches Garden““ leise quietschend im Wind schaukelt. Kein Handymast oder Radiosender schafft es hinter die gefühlten sieben Berge. Einzige Bewohner neben Lew und seiner Frau Felicity sind dort drei Hunde, drei Pferde, 80 Kühe und unzählige Vögel. Der nächste Nachbar wohnt gleich nebenan, was so viel heißt wie: zehn Minuten mit dem Auto entfernt. Den gewohnten Verkehrslärm ersetzen im „Witches Garden“ über 80 Vogelarten, schreiende Possums und surrende Insekten. Für das tägliche Schmunzeln sorgt Welpe Merlin – für viele Dummheiten allerdings auch. Wenn er nicht die Hühner durch den parkartig angelegten Garten scheucht, entführt er Schuhe, Schachteln und Scheuertücher.

 Gartenromantik à la Claude Monet

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Felicity, Hausherrin und Künstlerin, begrüßt mich offenherzig: „Schön, dass du da bist, willkommen!“ Zwar hat sie ein Faible für Hexen und Heilkräuter, aber an „Hänsel und Gretel“ ist nicht zu denken. Als sie mich über das Anwesen führt, finde ich mich eher im Garten Eden wieder. In Miniteichen träumen Seerosen und ein Plastikkrokodil, ein grünes Buschlabyrinth lädt zum Verirren ein, der Duft von Lilien, Kräutern und Eukalyptus schwebt durch die Luft, auf Bänken lässt sich der Alltag vergessen und wer über die vom dichten Blauregen bewachsene Brücke wandelt, fühlt sich nicht ohne Grund wie in einem Gemälde des französischen Malers Claude Monet. „Seine Werke haben mich inspiriert“, erklärt die Gärtnerin.

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Ich greife mir den Spaten und schlendere an den nicht enden wollenden Kräuter-, Gemüse- und Blumenbeeten vorbei, durchquere Rosenbögen und komme an plätschernden Fontänen vorbei. Vor einem winzigen Häuschen liegen Tierschädel. Ich öffne die knarrende Tür. Dort sammelt Felicity alte Milchkannen und Möbel. Auf den Hexengarten ist sie gekommen, weil diese Frauen die ersten waren, die sich mit Heilkräutern beschäftigt haben – ein Gebiet, auf dem sich die Malerin auch gut auskennt.

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Zum Abendessen gibt es Kartoffelbrei, Salat und Gemüse – natürlich alles aus eigenem Anbau. Felicity nimmt den Topf vom nostalgischen Feuerherd, vor dem sich der Welpe Merlin wohlig hin und her kugelt. Das altertümliche Küchenutensil aus Omas Zeiten ist in Australien sehr beliebt. „Die Öfen werden hier noch hergestellt“, erklärt Felicity. Mit dem Feuer wird nicht nur gekocht, sondern auch geheizt. „Der Herbst kommt langsam und abends ist es schon kühler“, fügt Lew hinzu. Der anstehende Winter passt zwar nicht in das Bild der sich im Supermarkt türmenden Schokoladenhasen, die einsetzende Laubfärbung aber schon. Ganz selten fällt im Tal auch Schnee. In den höheren Bergen Victorias gehen viele Einheimische auch Skifahren.

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An dem großen Holztisch bin ich nicht der erste Gast. Das Ehepaar, das seit 30 Jahren im Mitta-Mitta-Tal wohnt, lädt regelmäßig Helfer aus aller Welt ein und hält sich so ein Fenster zur Welt offen. In die Gegend verirren sich sonst nämlich nur Australier. Wie schön, dass ich es in dieses verborgene Paradies geschafft habe. Bevor ich seit Wochen wieder einmal in einem Zimmer schlafe, das ich ganz für mich allein habe, trete ich noch einmal auf die Terrasse und schaue in die Nacht. Der Himmel spannt sich wie ein tief blauer Tintenfleck über das Land mit der Milchstraße als blass-weißen Streifen darüber. Den großen Wagen suche ich vergeblich, aber ein Sternbild kommt mir bekannt vor: der Orion. Auf dem anderen Teil der Erdkugel steht er allerdings für mich verkehrt herum am Firmament.

 Milch von Rock’n’Roll-Kühen

Die folgenden Tage fliegen nur so dahin. Die frische Luft, das gute Essen, die entspannte Arbeit im Garten und die nette Gesellschaft lassen Zeit und Wochentag vergessen. Ob Montag oder Sonntag, am Lebensrhythmus im „Witches Garden“ ändert das nichts. Täglich suche ich die Eier aus dem Hühnerhaus, füttere die bunten King Parrots im Garten und schaue zu, wie sich die Hühner und die Sittiche um die Körner streiten. Der stündliche Griff zum Handy ist schon nach einem Tag vergessen. Statt der Mails checke ich abends das lokale Fernsehprogramm aus. Gerade läuft eine Serie über die Band INXS, das passt natürlich. Angeblich formten sich die Akkorde der bekannten Single „Need You Tonight“ gerade im Kopf des Gitarristen Andrew Farriss, als dieser ein Taxi gerufen hatte. Der Fahrer musste dann eine Stunde warten, bis Farriss die Klänge gut gesichert und vor allem für alle hörbar auf Tape gebannt hatte. Die hohe Rechnung war dann auch kein Problem mehr, der weltweite Erfolg ließ nicht lange auf sich warten.

 

Doch wer nun glaubt, das Landleben hätte eine gewisse Eintönigkeit und Ruhe, der liegt falsch. Jeden Tag gibt es eine kleine Premiere für mich. Lew will mir den Milchviehbetrieb seines Nachbarn zeigen. Wir steigen ins Auto und fahren zehn Minuten durch die geschwungenen Straßen des Tals, während ich das Behältnis für die frische Milch halte. „Früher haben wir jede Woche Milch geholt und daraus auch Joghurt gemacht“, erzählt Lew. Als wir aussteigen tönt neben metallischem Geklapper auch Rockmusik durch die Halle. Bob, der Eigentümer, lebt für seinen Betrieb. Ich schaue zu, wie er den Kühen die Melkkolben ansetzt. Er tut das sieben Tage die Woche seit über 50 Jahren. Der 72-Jährige ist vernarrt in seine 150 Damen und lässt weder sein Alter noch seine eigene Frau zwischen sie kommen. „Seine Frau ist nicht besonderes glücklich darüber, dass die Kühe immer an erster Stelle stehen“, flüstert Lew mir zu.

„Hello, where are you from“, tönt es zwischen den schwarz-weißen Tieren hervor. Bob testet die frisch gezapfte Milch noch an Ort und Stelle und grinst. „Willst du mal spüren, was die aushalten müssen“, donnert seine Stimme durch die Halle und schon saugt sich einer der Milchkolben an meinem Daumen fest. Das Resultat ist ein Finger mit roter Färbung, den ich noch nach vier Tagen staunend betrachte. Die frische Milch trage ich vorsichtig in den Pick-up und bin schon sehr gespannt auf den Geschmack. Bei den flotten Rhythmen, die durch den Stall klingen, werden die Kühe sicherlich zu besonderer Qualität angeregt.

Blau – die Farbe der Liebe

Absoluter Exot im „Witches Garden“ ist allerdings derzeit der Seidenlaubenvogel. Das eifrige Männchen gehört zu den kreativsten in der Vogelwelt. Um das Weibchen anzulocken, baut er eine kunstvolle Laube aus langen Stöckchen und schmückt sie obendrein noch mit blauen Gegenständen. Mittlerweile liegen blaue Kugelschreiberhüllen, Flaschenverschlüsse und Fäden um das Liebesnest verstreut, die der Vogel findet und sammelt. Wenn Felicity ein kleinerer blauer Gegenstand auffällt, heißt es: „Den heben wir für unseren Freund auf“. Doch trotz ihrer und der Bemühungen des Männchens will sich kein Erfolg einstellen. Die kunstvolle Architektur ist unbewohnt. „Wahrscheinlich ist er einfach ein wenig spät dran. Schließlich ist der Frühling längst vorbei“, erinnert mich Felicity, als ich mich eines nachmittags auf die Lauer lege und dem Nestbau zuschauen will. Ich beiße in den ersten Schokohasen, den ich in diesem Jahr in die Finger bekommen habe, sonst würde ihn die noch immer heiße Herbstsonne gnadenlos die Ohren versengen. Allerdings habe ich kein Glück. Das Männchen lässt sich nicht blicken. Vielleicht sollte es nach Europa auswandern. Schließlich stehen der Frühling und die Balzzeit dort noch an. Im frischen Grün lassen sich dort sicherlich noch ein paar blaue Eier als Nestdekoration entdecken.

Hexengarten_08_Seidenlaubenvogel_©_Annica_Müllenberg

Text und Fotos: Annica Müllenberg

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