reiseZeit: Von Teufeln und Göttern

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Schönheit und Hässlichkeit sollen auf Tasmanien eng beieinander liegen. Die australische Insel ist nicht größer als Irland, trotzdem drängeln sich dort gleich 16 Nationalparks nebeneinander und ein aufregendes Museum, das sein Begründer David Walsh als „Disneyland für Erwachsene“ anpreist. Als ich am übersichtlichen Flughafen den kleinen Shuttle in die Stadt Hobart nehme, schallt „Back In The USSR“ von den Beatles aus dem Radio. Ob mich die Insel ebenso umhaut wie die ehemalige Sowjetunion die Pilzköpfe? Erleichtert atme ich aus, als ich merke, dass Hobart – Hauptstadt der Insel – keine Hochhäuser hat. Nach einer weiteren Metropole steht mir gerade nicht der Sinn. Gerade weil Tasmanien nach Abgeschiedenheit klingt, bin ich so gespannt. Bislang machte die Insel nur von sich reden, weil die dänische Kronprinzessin von dort stammt. Seit 2011 ist das MONA, das Museum Of Old And New Art, ein neuer Anziehungspunkt für Kunstliebhaber und Neugierige aus aller Welt.

Nächster Stopp: Südpol

Der erste Eindruck von Hobart ist erst einmal kleinstädtische Gemütlichkeit. Flache Häuschen drängen sich auf die hügelige und von Buchten gesäumte Küste. Der Wind fegt in den Abendstunden schon deutlich kühler als auf dem „Mainland“, wie die „Tassies“ das australische Festland bezeichnen. Ich ziehe die Jacke zu und denke, näher werde ich der Antarktis wohl nie mehr im Leben kommen. Vom kleinen Hafen in Hobart starten regelmäßig Expeditionsschiffe in die 2000 Kilometer entfernt gelegene Eislandschaft. Die Nähe zu Eintönigkeit und Kälte ist kaum fassbar, in Anbetracht der schönen Küstenregionen und hübschen Buchten, in denen kleine Schiffe vor sich hin schaukeln. Hobart ist nach Sydney die zweitälteste Stadt Australiens und das sieht man an jeder Ecke. In der Davey Street befinden sich viele alte Häuser aus dem 19. Jahrhundert. Einige Villen erinnern mit ihren üppigen Gärten an den Süden Englands oder an die Bretagne.

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Herzlich und familiär geht es auf dem Salamanca Markt zu, der jeden Sonnabend in Hafennähe stattfindet. Frisches Gemüse, viel Musik, duftender Kaffee und tasmanisches Kunsthandwerk werden angeboten. Die Händler kennen sich und grüßen überschwänglich über ihre Stände hinweg. Jeder einzelne ist mit viel Liebe zum Detail aufgebaut. Genauso viel Aufwand steckt auch in den Produkten: Selbst gemachter Käse, Seifen, Schmuck – ich komme aus dem Staunen kaum mehr heraus und gebe schneller als gewollt Geld für diverse Souvenirs aus. Aber das ist wenigstens was Vernünftiges, beruhige ich meinen Geist. Seit vielen Jahren ist der Markt eine beständige Größe und ein bunter Anziehungskraft für Einheimische und Touristen.

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 Schräg und provokant

Beständig ist das MONA dagegen nicht, nur wenn man davon absieht, dass der Begründer des größten privaten Kunstmuseums mit absoluter Regelmäßigkeit für Aufregung sorgt. Walsh ist ständig auf der Suche nach neuen Objekten für sein Haus, sodass es auch für regelmäßige MONA-Besucher nie langweilig wird. Ich bin neugierig und will das Schloss des exzentrischen Spielers, Millionärs, Zahlengenies und bekennenden Voyeurs unbedingt sehen. „Er wohnt gleich über dem Museum und manchmal veranstaltet er dekadente Partys im römischen Stil. Nackte Frauen mit Honig übergossen räkeln sich dann auf den Tischen“, hört man von manchen Einwohnern – denn, die Insel ist so klein, dass fast jeder jeden kennt und natürlich über jeden etwas zu sagen hat.

Der Bus bringt mich eine halbe Stunde durch die Arbeitervororte der 210000-Seelen-Stadt. Dann sehe ich es: Auf einer kleinen Insel konkurrieren rostrote Eisenteile mit grauen Gitternetzen. Die schmale Landzunge zur Insel ist von beiden Seiten mit Weinbergen gesäumt. Einen Sinn für edle Tropfen hat Walsh also auch, denke ich. Ein Huhn flitzt gackernd ins Dickicht, als ein Bus mit Touristen heranschaukelt.

Hate or Love?

Auf dem Gelände des futuristischen Gebäudekomplexes herrscht schon reges Treiben. Ich bin ein wenig ratlos auf der Suche nach dem Eingang und komme am Parkplatz von Mister Walsh vorbei: God und God’s Mistress steht dort in übergroßen Lettern geschrieben. Neben dem Trampolin, auf dem schon einige Besucher übermütig auf- und niedersausen und dem Tennisplatz ist ein verspiegelter Kubus zu sehen. Das muss der Eingang sein, denke ich und trete auf mein eigenes Spiegelbild zu und verschwinde darin. „Haben Sie Herzprobleme?“, wird eine ältere Dame vor mir von der Kassiererin gefragt. Auch Minderjährige werden vor einigen Kunstwerken gewarnt und müssen in Begleitung ihrer Eltern kommen, denn das ist MONA als Sex- und Todes-Museum verschrien. Nachdem ich einen iPod bekommen habe, der mir zu jedem Werk Infos ausspucken soll, geht es in den Untergrund. Drei Stockwerke tiefer öffnet sich die Fahrstuhltür genau an einer Bar. Ein versteckter Ratschlag des Eigentümers? Schnell noch einen Schnaps vor der Show? Walshs Kommentar zur MONA-Eröffnung 2011 war: „Habt Spaß, gehet hin und macht euch fertig“. Sein „Disneyland für Erwachsene“ offenbart eine Menge Schätze aus dem alten Ägypten und von jungen Künstlern. So kann man seinen rhythmischen Herzschlag im aufflackernden Takt von hundert Glühbirnen sichtbar machen. Bei mir allerdings glimmt nicht mal ein Drähtchen, wahrscheinlich bin ich schon scheintot, ohne es zu wissen. Begeistert stehe ich vor dem Wassertropfenwasserfall, aus dem sekündlich wechselnde Worte herunterregnen. Ganz klar ein Love-Kandidat für mich – jeder Besucher hat über den iPhone die Möglichkeit, die Objekte mit einem Love- oder Hate-Button zu bewerten  (Foto ganz oben). Drei Stunden schlendere ich durch das verschnörkelte Untergrund-Labyrinth, grusele mich in der Death Gallery neben einer Jahrtausende alten Mumie, die in einem Raum steht, der von einer pechschwarzen Flüssigkeit geflutet ist. Ich muss ihn ganz allein betreten und bekomme von der Servicekraft vorher den Tipp, nicht dort zu sterben – denn ich wäre ganz allein. Ich verspreche es – und halte mein Wort. Ein paar Meter weiter steht als verbildlichtes Symbol der Konsumgesellschaft ein gemästeter Porsche. Ich entscheide mich gegen ein Spiel am Flipperautomaten mit dem Titel „Deluxe Suicide Service“ (Deluxe Selbstmordservice) und sehe mir lieber Walshs Lieblingsstück an: die „Cloaca“ – eine Maschine, die den menschlichen Verdauungsprozess veranschaulicht. Sie wird täglich gefüttert und scheidet aus. Lange hält man es neben den gläsernen Ampullen nicht aus, der Geruch aus Kuhdung lässt die Besucher die Nase rümpfen. Hier scheiden sich die Geister: Knapp 29000 Besucher begeisterten sich bisher für das Werk des belgischen Künstlers Wim Delvoye, rund 28000 drückten angewidert den Hass-Knopf.

Ein Erlebnis ist das MONA auf alle Fälle, eine Schocktherapie war es für mich nicht. Selbst nachdem ich den iPod abgegeben hab, hört das Werten nicht auf. Eifrig fragen die Einheimischen, wie mir das MONA gefallen habe. „Ich habe gedacht, es wäre noch gruseliger“, ist meine Antwort. „Die Europäer sind eben progressiver im Denken. Die Kunst dort schockt vermutlich nur uns Australier, weil wir das Konservative der Briten in uns tragen“, entgegnet mir Cary Lewincamp, ein tasmanienweit bekannter Folkmusiker.

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Der schönste Knast der Welt

Unstrittig ist hingegen die Schönheit der Insel. Niemand käme auf die Idee, die Besucher zu fragen, wie sie die Landschaften bewerten. Alle sind sich darin einig, dass Tasmanien an Natur absolute Highlights bietet. Sattgrüne Hügel erinnern bisweilen an Irland, azurblaues Meer und feiner Sand an die Karibik. Ein Bonus sind die gemäßigten Temperaturen, verschlungene Wanderwege sowie das Tier- und Pflanzenparadies auf kleinstem Raum.

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Geschichte – oder das was Einheimische darunter verstehen – spüre ich in Port Arthur nach. Dort sind die 200 Jahre alten Ruinen einer Sträflingsanstalt zu sehen. Für Europäer sind 200 Jahre natürlich nicht einmal eine Sekunde im Zeitverlauf der Welthistorie, dennoch schlendern Besucher aus aller Welt andächtig an den alten Zellen und dem steinernen Gerippe der Kirche vorbei. Geschichten von scheinbar unbegreiflicher Willkür und Grausamkeit ranken sich um den Ort. So komme es immer wieder vor, dass Besucher aus England von Vorfahren erzählen, die nur einen Laib Brot gestohlen hatten und dafür zu sieben Jahren Gefängnis auf Tasmanien verurteilt wurden, erzählt der Tourguide. Sona, die Frau des Musikers Lewincamp, hat erst jüngst die Geschichte ihrer englischen Urururgroßmutter recherchiert: „Sie war eine Prostituierte in England und hat die Hose eines Freiers geklaut, weil dieser nicht bezahlen wollte. Die Polizei nahm sie fest und verschiffte sie nach Tasmanien.“ Genaue Recherchen sind allerdings die Ausnahme, oft wurden über die Jahre nur die minimalen Delikte weitergegeben – etwa die Prügelei auf dem Markt – und die eigentliche kriminelle Lebensgeschichte der ausgeschifften Sträflinge ausgelassen. „Wir forschen dann nach und nicht selten kommt zu dem gestohlen Brot noch einiges dazu. Das wissen die Nachfahren natürlich nicht – oder wollen es vielleicht nicht wissen“, erzählt der Gästeführer in Port Arthur.

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 Von Zwergen und Riesen

Wer noch nie auf Tasmanien war, aber Postkarten von der Insel bekommen hat, wird vermutlich die Russell Falls kennen. Der Wasserfall im Mount-Field-Nationalpark, nordwestlich von Hobart, ist auf einer Briefmarke verewigt. Im üppigen Grün schießen dort über mehrere Stufen Wasserläufe in die Tiefe. Um zu der Riesendusche zu kommen, schlendere ich an bis zu 100 Meter hohen Eukalyptusbäumen vorbei, deren Stamm beeindruckend ist. Wie ein Zwerg oder Alice im Wunderland komme ich mir in diesem üppigen Paradies vor, in dem jemand den Vergrößerungsknopf gedrückt zu haben scheint. Schmetterlinge, Kröten, Farne, Bäume – alles ist größer als die europäischen Varianten.

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Bisher war ich in dem Glauben, die schönsten Strände an der australischen Goldcoast gesehen zu haben, doch im Freycinet Nationalpark an der Ostküste Tasmaniens hat Mutter Natur sich noch einmal gründlich ins Zeug gelegt. Gelbweißer Sand und azurblaues Meer schimmern romantisch in der Wineglass Bay. Und die Honeymoon Bay hat ihren Namen nicht ohne Grund – auf großen Felsen kann ich hier das seichte Plätschern des glasklaren Wassers beobachten. Bevor ich mein Lunch esse, lasse ich mich ins Wasser gleiten und genieße die Stille. In der geschützten Bucht gibt es keine wilden Wellen und auch nur wenige Besucher, dafür aber die wohl winzigsten Muscheln am Strand. Die Miniatur-Schnörkeleien messen nur ein paar Millimeter. Hier lässt sich die Zeit vergessen, beschließe ich, mehr muss ich gar nicht sehen von Tasmanien – den schönsten Beach habe ich schon gefunden – und das soll was heißen bei knapp 10.700 gelisteten australischen Stränden.

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