#commons: Das Leben selbst in die Hand nehmen

2621566718_1d3b4bcd74_o

Ein Gastbeitrag von Brigitte Kratzwald, Graz

In den letzten Jahren hat – nicht zuletzt durch die Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises an die Commons-Forscherin Elinor Ostrom – der Begriff „Commons“ eine Art Rivival erlebt. Jedes Medium, das auf sich hält, muss etwas zu Commons zu sagen haben. Dass der Begriff aber auch von den sozialen Bewegungen bereitwillig aufgegriffen wurde, liegt weniger am Nobelpreis, sondern an den Enteignungserfahrungen, die viele Menschen durch die neoliberale Politik der letzten Jahrzehnte und vor allem die neoliberale Krisenbewältigung der letzten Jahre, gemacht haben. Sei es Arbeitslosigkeit, steigende Mieten, die Einhegung des öffentlichen Raums, die Stilllegung der Nebenbahn, die Schließung des Postamtes, die Privatisierung von Strom- und Wasserversorgung. Viele Menschen haben das Gefühl, dass ihnen die Kontrolle über ihr Lebensumfeld entzogen wird. Immer mehr Menschen überwinden jedoch die Ohnmachtsgefühle und beginnen mit anderen gemeinsam ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Der Begriff „Commons“ steht für die Wiederaneignung der Lebensbedingungen, für Selbstorganisation „jenseits von Staat und Markt“, für die Entdeckung neuer Formen der Demokratie und der Vielfalt an Möglichkeiten für ein gutes Leben.

Commons als Vereinbarungen

Commons sind keine Dinge, sondern Vereinbarungen darüber, wie Menschen mit bestimmten Dingen umgehen wollen, die ihnen wichtig sind. Sie bestehen immer aus drei Elementen: dem „Ding“, in der Fachsprache „Ressource“ genannt, den Menschen, die diese Ressource gemeinsam herstellen, erhalten und nutzen und den Regeln, die diese Menschen sich dafür geben. Denn das ist ein wesentlicher Aspekt der Commons-Idee: es gibt nicht ein Modell für alle, sondern alle Commons funktionieren anders; so wie es die jeweilige Ressource, die Bedürfnisse und die Fähigkeiten der Menschen es erfordern. Und sie funktionieren nur so lange, so lange diese Freiräume für Selbstorganisation, von Staat, Regierungen und Stadtverwaltungen anerkannt werden. Viele der aktuellen sozialen Kämpfe – um Wohnraum, den öffentlichen Raum, öffentliche Infrastruktur, Netzneutralität und freies Wissen – sind Kämpfe um diese Freiräume zur Selbstbestimmung.

Und da zeigt der Commons-Begriff seine große Stärke, denn unter diesem Motto können sehr unterschiedliche Bewegungen zusammenfinden. Menschen, die im Mietshäusersyndikat Wohnraum selbst verwalten, die eine Energieversorgung in Bürgerhand einfordern, die ihr Saatgut vor dem Zugriff der Konzerne schützen wollen, die den Quellcode der Software offenlegen oder sich für Netzneutralität einsetzen (oder gleich ihr eigenes Internet aufbauen) oder ihren Anspruch an die Nutzung des öffentlichen Raumes kreativ durchsetzen, sie alle haben etwas gemeinsam: sie wollen Dinge, die ihnen wichtig sind, selbst verwalten, selbst dafür die Verantwortung übernehmen und im Gegenzug dafür Nutzungsrechte bekommen. Wird das klar, dann können diese verschiedenen Initiativen sich gegenseitig unterstützen und im besten Fall so vernetzen, dass sie in eine neue Form des Austausches eintreten.

Commons bedeuten Kooperation

Commons bedeutet, dass Bedürfnisse ohne den Umweg über Markt und Lohnarbeit unmittelbar befriedigt werden können, dass alle Menschen ihre Fähigkeiten einbringen können und auch alle mitreden können und die Ressourcen erhalten bleiben. Menschen sind keine isolierten Individuen und sie sind nicht „von Natur aus“ auf Konkurrenz programmiert. Viele empirische Belege zeigen, Menschen sind in der Lage zu kommunizieren und zu kooperieren, und die Ergebnisse sind oft besser als Markt oder Staat das zustande brächten. Commons stellen eine Form der Vergesellschaftung dar, die der Logik von Markt und Staat entgegensteht und können daher Keimzellen für soziale Transformation sein in eine zukunftsfähige Gesellschaft sein. Vorübergehender Besitz und Nutzungsrechte ersetzen ausschließendes Privateigentum. Während es sich bei uns nach wie vor um kleine Nischen handelt, ist in der globalen Perspektive Commons oft unerlässlich für die Befriedigung der Grundbedürfnisse.

Commons sind aber auch nicht das Allheilmittel, denn die Freiräume zur Selbstorganisation sind heute mehr denn je bedroht. Weil Commons Machtverhältnisse verändern und den Menschen Macht über ihr Leben zurückgeben, können sie jedoch ein Mittel sein, die Macht von Konzernen und internationalen Organisationen zu brechen und einen Weg in eine postkapitalistische Zukunft weisen.

Brigitte Kratzwald, unsere Gastautorin lebt in Graz/Österreich, bloggt auf http://kratzwald.wordpress.com/ und betreibt die website www.commons.at. Sie hält Vorträge und Seminare, und ist Redakteurin von CONTRASTE (www.contraste.org), der Monatszeitung für Selbstorganisation. Zuletzt schrieb Brigitte zusammen mit Andreas Exner das Buch Solidarische Ökonomie & Commons.

Literaturtipp: Silke Helfrich, Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat. transcript-Verlag, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-837-62036-8, PDF 4 MB hier open access).

Foto: http://www.flickr.com/photos/static_view/ Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0)

Weitere Beiträge im GLUCKE-Special zu Commons:

#commons: Der Roland lebt!

#commons: Polygenos Kulturgenossenschaft Oldenburg