women@Work: Bildung für Frauen nicht gewünscht ?

Die harten Fakten sagen: Dieser Betrieb arbeitet nicht wirtschaftlich! Deshalb musste der seit fast 30 Jahren tätige Frauenbildungsträger Quirl e.V. gerade Insolvenz anmelden. Doch der Blick hinter die Zahlen zeigt auch: Es scheint gesellschaftlich nicht wirklich gewollt zu sein, dass Langzeitarbeitslose wieder im Beruf Fuß fassen. Und dass es nicht gewünscht ist, eine selbstbewusste gesellschaftliche Teilhabe von langzeiterwerbslosen Frauen und ihren Kindern zu ermöglichen. Denn dafür steht der Verein seit fast 30 Jahren, hat sechs Kantinen und Cafés, einen Waschsalon und drei Kindertagesstätten aufgebaut, die nicht nur Arbeit für Frauen in oft schwierigen Lebenslagen bieten, sondern auch sinnvolle geförderte Arbeitsprojekte mit Lernangeboten, individueller sozialer Beratung und Unterstützung sind. „11 Mal Quirl in 9 Stadtteilen Bremens, kreativ, unternehmerisch, quirlig!“, erklärt der Vereinsvorstand. Durch die Insolvenz steht dieser Erfolg auf dem Spiel.

Einnahmen werden mit Fördermitteln verrechnet

Trotz ordentlicher Umsätze fehlen unterm Strich 200.000 Euro. Quirl-Geschäftsführerin Katja Barloschky erklärt die wirtschaftliche Schieflage mit zum einen stark gekürzten Fördermitteln, die „Lebensrealität und die Würde unserer Teilnehmerinnen ignorieren und unsere fachliche Arbeit ad absurdum führen. Obendrein werden die durch harte Arbeit und zum Stolz aller Beteiligten erwirtschafteten Verkaufserlöse aus den Projekten nach dem geltenden Zuwendungsrecht von der Förderung wieder abgezogen.“ Das ist fatal, denn damit kann eine solide tragfähige Finanzierung der Arbeit nicht gelingen. Denn der Verein steht inhaltlich gerade nicht für eine 0815-Förderung mit 0815-Bewerbungstrainings einer 0815-Weiterbildungsunternehmens. Quirl kümmert sich intensiv um Frauen, die es am Arbeitsmarkt besonders schwer haben, setzt auf hohe fachliche Qualität in der Betreuung der Teilnehmerinnen bei Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften, Zahlung von Tariflöhnen an die Beschäftigten und Beachtung der Rechte von Arbeitnehmerinnen. Summa summarum scheitert der Verein damit aber betriebswirtschaftlich angesichts der im Ergebnis dauerhaften Unterfinanzierung.

Wo bleibt der Sturm der Entrüstung?

Es ist gewiss kein Aufschrei der durchs Land Bremen geht, es sind eher leise Töne der Solidarität, vor allem auf den sozialen Medien signalisieren viele Menschen ihre Unterstützung. Die Frauenbeauftragte hat als einzige schnell reagiert und zwar entsetzt – zu Recht muss die Insolvenz als „Bitterer Schlag“ gelten. Von den mehr als 40 Bremer Frauenverbänden kam bislang leider – wenn überhaupt – nur ein leises Bedauern. Auch von PolitikerInnen aller Couleur hat frau noch nicht viel gehört. Anscheinend gibt es im Hintergrund Gespräche über die Möglichkeiten einer guten Zukunft für die 200 Frauen – 75 Beschäftigte und 125 Teilnehmerinnen und – nicht zu vergessen – deren Familien. Zu bedenken sind bei allen Entscheidungen jetzt auch die Konsequenzen für die Stadtteile, in denen sich die vier Stadtteil-Cafés zu Begegnungsstätten entwickelt haben, deren Weiterbetrieb im Moment zur Disposition steht. Ein Armutszeugnis für die Stadt Bremen, denn die spielen wiederum eine herausragende Rolle für Integration und Bildung.

Die Quirl-Frauen wünschen sich, dass es weitergeht. Und dass sie das nicht verlieren, was sie durch ihre Arbeit gewonnen haben: Am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können und für ihre Leistung Wertschätzung zu erfahren. Das darf kein frommer Wunsch sein in unserer heutigen Welt, deshalb braucht es echte Hilfe für Quirl! Sonst müssen sich die PolitikerInnen die Frage gefallen lassen, ob sie sich wirklich für die Bildung aller Menschen gleich stark einsetzen. Auch für die Bildung von Frauen ohne Lobby.

Kommentar: Heike Mühldorfer

 

Zum Hintergrund

1986 hat die Fraueninitiative Quirl mit spektakulären Aktionen und einer Hausbesetzung den Grundstein gelegt. Heute ist Quirl der größte Frauenbetrieb in Bremen. 75 Mitarbeiterinnen bieten:

  • 200 Kindern und ihren Eltern verlässliche, inspirierende Betreuung und frühkindliche Bildung in drei Stadtteilen
  • 120 langzeiterwerbslosen Frauen im ALG II-Bezug Arbeits- und Lernplätze in 9 Betriebsstätten
  • einen geschützten Rahmen, um vertraulich und professionell begleitet Krisen zu bewältigen und Kraft zu schöpfen aus der eigenen Biografie
  • Trainings-, Reflexions- und Qualifizierungs-Kurse für Frauen auf ihrem Weg (zurück) in den Beruf
  • praxisorientierte und wertschätzende Sprachvermittlung für Migrantinnen
  • leckeren Mittagstisch & Feines – saisonal, regional und wo möglich bio – in 4 Stadtteilen und 2 Mensen des Studentenwerkes zu fairen Preisen für  Menschen mit wenig und mit genug Einkommen
  • peppiges und gesundes Essen für Kinder in Kitas und Schulen
  • Catering für gemeinnützige Einrichtungen und Anlässe aller Art
  • stadtteilnahe Textilpflege und Dienstleistungen insbesondere für Senior_innen.

Quelle: www.quirl-bremen.de