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kulturTipp: Sie.Selbst.Nackt. – Eine Ausstellung

Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag, 1906, Museen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum , Bremen

Für dieGlucke berichtet die Bremer Künstlerin Conny Wischhusen über die aktuelle Ausstellung Sie.Selbst.Nackt. im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen und schildert ihren persönlichen Eindruck der weltweit ersten Schau von bedeutenden weiblichen Selbstakten.

Es war Paula Modersohn-Becker (1876–1907), die den Grundstein für die Aktmalerei der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts legte. Sie inszenierte und malte sich 1906 in ihrem Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag – nackt, als erster Selbstakt einer bekannten Künstlerin. Konsequenterweise wurde das Gemälde zum Ausgangspunkt der aktuellen Ausstellung im Bremer Paula Modersohn-Becker Museum. Sie.Selbst.Nackt zeigt 37 andere weibliche Selbstakte international bedeutender Künstlerinnen vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute aus verschiedenen Positionen. Zu sehen sind Gemälde, Zeichnungen, Filme, Grafiken und eine Skulptur. „Gefalle ich dir?“ „Bin ich schön?“ „Findest du mich attraktiv?“ Nein, diese Fragen werden nicht beantwortet, die Künstlerinnen stellen selbst die Frage: „Gefalle ICH mir? Wie sehe ICH MICH?“ „Bin ICH schön?“ Paula Modersohn-Becker malt sich nicht idealisiert, sondern so wie sie sein möchte: schwanger, selbstbewusst und offen. Sie ist nur mit einer Kette und einem Tuch um die Hüften „bekleidet“ und blickt den Betrachter selbstbewusst, offen und wie selbstverständlich an. Und sie hebt sich klar von der bis dahin geltenden traditionellen Maler-Modell Konstellation ab. Sie wird nicht idealisiert von einem Künstler gemalt, sondern sie ergreift den Blick auf sich selbst. Das ist ein wesentlicher Aspekt der Selbstbestimmung und Selbstrepräsentation der Künstlerin.

Die weltweit erste Schau für Künstlerinnen im Selbstbildnis

Paula Modersohn-Becker hält lächelnd ihre Hände um ihren kleinen runden schwangeren Bauch. Doch schwanger war sie keinesfalls, „aber sie verleiht damit dem weiblichen Akt eine neue Dimension“, wie Kuratorin Verena Borgmann erläutert. Und sie hatte eine ungeheure Portion Mut und Selbstverständnis! Selbstverständlich war das zu der Zeit, in der das Selbstbildnis entstand, nicht, denn das Bild durfte nicht öffentlich gezeigt werden und hing im Schlafzimmer. Es geht hierbei um Gefühle zum Körper, Selbstbestimmung, Suchen und Finden, mediale Weiblichkeitsbilder, so wie die Künstlerin als Schwangere oder Mutter. Das sehr eindringliche Selbstbildnis „Zweifel“, von Maria Lassnig im zweiten Raum ist mit Farben gemalt, die eher an eine Landschaft als an einen Körper erinnern und der Körper entspricht keinesfalls dem weiblichen Schönheitsideal. Die Haut und die Brüste hängen schlaff herunter. Nur der Kopf ist farbig und lebendig und hebt sich dadurch deutlich ab. Das Bild wirkt unfertig, als ob sich die Künstlerin nicht weiter mit ihrem alternden Körper beschäftigen möchte. Lassnig drückt Ihre Körpergefühle in Farben aus, nennt und unterscheidet in „Körpergefühlsfarben“, „Gedankenfarben“, „Geruchsfarben“ und „Fleischdeckenfarben“. Hier stelle ich mir als Künstlerin und Frau die Frage: „Wie sehe ich mich? Wie stelle ich mich dar? Ich welchen Farben würde ich mich malen oder darstellen?“

Kritik an der kommerziellen Darstellung von Frauen

Sehr beeindruckend und mutig finde ich die Werke der Künstlerinnen zu Fragen der kommerziell genutzten Weiblichkeit. Wie sehen die Medien und die Öffentlichkeit den Körper der Frau, wie wird er meistens idealisiert dargestellt und wie sehen aber die Künstlerinnen ihren Körper selbst?. Rachel Lewis (1989) stellt sich zum Beispiel provokant die Frage: „Bin ich überhaupt noch eine Frau?“ in dem sie sich selbst mit ihrem von Magersucht gezeichneten Körper darstellt. Auf dem Bild ist sie selbst abgemagert fast bis auf die Knochen vor einer Collage von vollbusigen Frauen zu sehen. Jo Space (1984) hingegen sieht sich auf Ihrer Fotografie nach ihrer Brustkrebsoperation als Monster! Dies Wort ritzt sie sich auf den Oberkörper und fotografiert sich im OP-Mantel mit deformierter Brust. Eine sehr mutige und provokante Sicht auf sich selbst. Ich könnte noch viel mehr über diese tolle Ausstellung schreiben, aber gehen Sie selbst hin und lassen Sie sich nicht den voyeuristischen Blick der Künstlerinnen auf sich selbst entgehen. Und dann blicken Sie auf sich selbst und seien Sie gespannt auf die Antwort!

Die Ausstellung läuft bis zum 2.Februar 2014 und hat von Dienstag bis Sonntag zwischen 11.00 und 18.00 Uhr geöffnet. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Ausstellungskatalog im Hatje-Cantz-Verlag erschienen.

Text: Conny Wischhusen.

Fotos: © wie angegeben. Zur Verfügung gestellt vom Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen.

Maria Lassnig: Zweifel, 2004/2005, Privatbesitz, Foto: Hauser & Wirth

Rachel Lewis: Bin ich noch eine Frau?, 1990, Nicholas Treadwell Gallery Aigen, Österreich

Jo Spence: Exiled, 1989, The Jo Spence Memorial Archive, London, Foto: Terry Dennett

 

 

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