urbanGardening: Räume der Stadt neu belebt

Urban Gardening, Zwischennutzung, Kleidertauschen – all diese Formen des Do it yourself und der Nutzung von Gemeingütern („commons“) sind zurzeit groß in Mode. Sie sind eine Form, wie städtisches Leben neu angeeignet und wie mit wenig oder ohne Geld Sinn gestiftet werden kann. In Stadt der Commonisten finden sich über 130 alphabetisch sortierte kurze Beiträge zu Themen und Haltungen aus diesem Milieu. Um nur ein knappes Dutzend des Glossars zu nennen: Beete, Commons, Entschleunigung, Haus der Eigenarbeit, Kartoffelkombinat, Kunst, Mundraub, offene Werkstätten, Saatgut, Schrottregatta, Teilen, Tauschen. Viele dieser Lexikon-Einträge sind mit Links versehen, über die vertiefende Informationen – etwa zu beispielhaften Projekten – erhältlich sind. Das Buch lädt zum Stöbern und Entdecken ein, es kann von hinten nach vorne oder kreuz und quer gelesen werden, jeder Eintrag steht auch für sich.

Bilderbuch mit Bullerbü-Atmosphäre

Das überformatige Buch wird von seinen durchweg vierfarbigen Bildern dominiert. Diese sind zum einen ganzseitig, oder es finden sich 30 auf einer Seite – die dadurch leider etwas aussagearm werden. Viele der Bilder spielen aber mit ihrer nahe am Kitsch liegenden Ästhetik. Es ist auf allen sonniges Wetter, die Männer tragen Bärte, die Frauen sind alle hübsch und die Kinder bunt gekleidet. Es herrscht eine kindliche Holzkisten-Bullerbü-Atmosphäre, die kitschig ist und doch Sehnsüchte weckt. Sehnsüchte nach einem anderen Arbeiten und Leben, nach einer Authentizität, die die moderne Arbeitswelt nicht bietet. Das Do it yourself ist ja ebenso wie die verstärkte Nutzung von Parzellen und Gärten durch Angehörige der Generation der 25- bis 45-jährigen ein Gegengewicht für die Erschöpften des kreativen Milieus.

Gemeinsam Impulse geben

Das Buch gibt einen anschaulichen, exemplarischen Einblick in diese Welt, die durch das Recyceln von Dingen und Flächen, durch Ideen, durch gemeinsame Um-Nutzung und Umdeutung von Infrastruktur, Dingen und Ideen existiert. Eine Welt, die provisorisch und fluide ist, von Kooperation, Netzwerken und nicht zuletzt grundlegend vom und durch das Internet lebt. Auf alle Fälle gibt diese Welt Impulse für die Debatte um die Zukunft der Stadt und die Aneignung öffentlicher Gemeingüter (englisch: Commons), eine Debatte und Praxis, die so sympathisch und inspirierend auch dieGlucke weiterhin begleiten wird.

Übrigens: Soziologin Christa Müller hat vor kurzem am Urban Gardening-Kongress in der Bremer botanika teilgenommen. Ein Interview mit ihr gibt es demnächst hier auf www.dieGlucke.de.

Andrea Baier, Christa Müller, Karin Werner: Stadt der Commonisten. Neue urbane Räume des Do it yourself, transcript-Verlag, Bielefeld 2013, 232 Seiten, 24,90 EUR

Die Rezension schrieb Bernd Huettner.