geschichteAktuell: Forschungspreis für Kirsten Tiedemann

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Unsere Autorin, die freie Historikerin Kirsten Tiedemann, hat den Anerkennungspreis für Heimatforschung der Wittheit zu Bremen erhalten! Die Wittheit ist eine traditionsreiche Wissenschaftsgesellschaft, die sich schon 1924 als Dachverband Bremer wissenschaftlicher Vereine und Intitiativen mit dem Ziel gründete, Wissenschaft und Forschung an eine interessierte Öffentlichkeit zu vermitteln. Dafür organisiert sie Vorträge, Ausstellungen, Exkursionen und gibt Bücher heraus. Zusammen mit anderen betreibt sie das renommierte „Haus der Wissenschaft“. Und sie vergibt seit 1996 jährlich den Preis für Heimatforschung. Preisträger sind in diesem Jahr Marion Reich, Jens-Peter Salomon und Kirsten Tiedemann. dieGlucke gratuliert herzlich und nutzt die Gelegenheit, mal nachzufragen.

dieGlucke: Kirsten, herzlichen Glückwunsch! Wofür hast du diesen Preis bekommen?

Kirsten Tiedemann: Erst einmal lieben Dank für deine Glückwünsche. Die Wittheit zu Bremen hat meine umfassende Forschung zur Geschichte der Kaisenhäuser, zum Wohnen auf der Parzelle in Bremen, mit einem Anerkennungspreis gewürdigt. Die Ergebnisse sind in meinem Buch „Mehr als ein Dach über dem Kopf- Bremens Kaisenhäuser“ zusammengefasst. Es ist genau einem Jahr vom Zentrum für Baukultur herausgegeben worden und im Verlag Bremer Tageszeitungen AG erschienen.

dieGlucke: Du hast die Erinnerungen von Menschen gesucht, die auf einer Parzelle leben oder gelebt haben?

Kirsten Tiedemann: Über 30 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen konnte ich zum Thema ausfindig machen. Ihre Erinnerungen beeindrucken mich sehr. Von brutaler Armut in der Nachkriegszeit handeln sie und von großem Improvisationstalent und Erfindergeist, mit dem sie ihre Häuser in den Kleingartengebieten aufbauten. Von Zusammenhalt und gemeinsamen Engagement für den Erhalt ihrer Wohnhäuser wurde mir berichten. Und von einem Gefühl von Freiheit, das für viele das Schönste am Wohnen auf der Parzelle ist.  Das Leben auf der Parzelle war mehr als nur Wohnen.

dieglucke: Daher auch der Titel?                                                                                        

Kirsten Tiedemann: Ja, das Wohnen auf der Parzelle war „Mehr als ein Dach über dem Kopf“, es war Gemeinschaft, mit allem was dazugehört, natürlich gab es auch mal Streit, klar, es gibt ja immer mal Konflikte, wenn Menschen zusammenleben. Und es gab Feste und gemeinsame Aktionen. Die Bewohner haben vieles zusammen erlebt, organisiert und mit ihrem Engagament vieles erreicht. Immerhin stehen einige der ungenehmigten Häuser heute noch. Den Titel beziehe ich außerdem auf den Parzellenbewohner-Roman von Willem von Hörsten. Er lebte von 1949 an mit seiner Frau und den Kindern auf einer Parzelle. Dort schrieb er auch seinen Roman „Ein Dach über dem Kopf“ und veröffentlichte ihn 1978.    

dieGlucke: Dein Buch enthält zahlreiche alte Fotos und bezieht viele Positionen ein …          

Kirsten Tiedemann: … entstanden ist ein anschauliches Buch, das die Geschichte der Kaisenhäuser und der dort lebenden Menschen über 50 Jahre nachzeichnet. Mit der Architektin Angie Oettingshausen habe ich zusammengearbeitet, um ein Haus, das aus vielen Anbauten besteht, exemplarisch aufzeichnen zu lassen. Die verschiedenen Positionen von Baubehörde und Politik dürfen bei dem Thema natürlich nicht fehlen. Dafür habe ich in zahlreichen Archiven recherchiert. Bürgermeister Kaisens Wohlwollen für die Parzellenbewohner konnte ich dokumentieren – nach ihm sind die Häuser auch benannt. Er hat den damaligen Bewohnern 1955 ein lebenslanges Wohnrecht zugesprochen. Illustriert ist das Buch übrigens mit vielen wunderbaren historischen Fotos aus Privatalben.

Die Historikerin Kirsten Tiedemann neben den Laudatoren Dr. Nettmann, Dr. Elmshäuser und Prof. Kloft im Staatsarchiv Bremen. Foto Staatsarchiv Bremen, Joachim Koetzle

dieGlucke: Was bedeutet der Preis für dich?

Kirsten Tiedemann: Den Anerkennungspreis nehme ich sehr gerne entgegen. In der Laudatio würdigt der Althistoriker Professor Hans Kloft meine Forschung als emphatisch und professionell. Es sei eine sehr gut lesbare historische Arbeit, die das Thema nicht nur gut dokumentiert, sondern auch analysiert. Diese Wertschätzung für meine Arbeit durch Profis, die sich in der traditionsreichen Bremer Gesellschaft zusammenfinden, freut mich natürlich sehr. Es ist eine besondere Anerkennung, die die Qualität meiner Arbeit spiegelt.

dieGlucke: Wie sieht es mit dem Begriff Heimatforschung aus?                                        

Kirsten Tiedemann: Die Wittheit verwendet einen neutralen Heimatbegriff: „Heimatgeschichte ist noch etwas mehr als Regionalgeschichte, es ist die Geschichte vom Ort, wo Menschen ihr Heim haben, wo sie zuhause sind“, erklärte Professor Kloft in seiner Ansprache, „und die darf durchaus auch kritisch beleuchtet werden.“ Thematisch paßt meine Forschung gut, denn es geht um die Geschichte von Menschen, die sich aus existentieller Not heraus ein neues Zuhause, eine neue Heimat schaffen und damit auch eine informelle Stadtentwicklung von unten betreiben, die durchaus umstritten war und ist.

Ein Kaisenhaus in der Bayernstrasse um 1950. Sammlung Tiedemann

dieGlucke: Kaisenhäuser sind für Bremen ja ein spezielles, oft umstrittenes Thema. Wird es in 50 Jahren immer noch welche geben?                                                                        

Kirsten Tiedemann: Tatsächlich gibt es aktuell wieder eine politische Diskussion über den Erhalt dieser charmanten kleinen Wohnhäuser in den Parzellengebieten unserer Stadt. Das war in den vergangenen zehn Jahren undenkbar und rückt nun seit Kurzem wieder in den Bereich des Möglichen, jedenfalls wird es in Bürgerschaft und Senat diskutiert. Es ist ein wirklich großes Unterfangen … viele Beteiligte sind an einen Tisch zu holen und weitreichende rechtlicher Fragen zu klären. Gleichzeitig muss der Bestandsschutz für diese ökologisch wertvollen Kleingartengebiete gewährleistet werden. Die Parzellen sind wohnortnahe grüne Oasen, die viele Bremerinnen und Bremer zu schätzen wissen. Wusstest du, dass dort eine Artenvielfalt festgestellt worden, wie sie sonst kaum zu finden ist – auch nicht auf dem Land?! Ja, ich glaube, dass es gelingen kann für die letzten Kaisenhäuser eine dauerhafte Ausnahmeregelung zu schaffen, wenn Senator und Baubehörde sich weit bewegen, sodass unterschiedliche Beispiele dieser vielfältigen Baukultur und besonderen Wohnkultur für Bremen erlebbar bleiben werden.

100jährige Laube auf dem Stadtwerder

100jährige Laube auf dem Stadtwerder

dieGlucke: Wir haben dich schon einmal auf einer spannenden Tour durch Teile der Bremischen Kleingartenwelt begleitet. Wird es solche Ausflüge jetzt im Frühling wieder geben?                                                                                                                                

Kirsten Tiedemann: Ja, im Mai und Juni biete ich wieder Rundgänge und Radtouren im Bremer Westen in der Waller Feldmark und auf dem Stadtwerder an, denn es gefällt mir meine Forschungsergebnisse weiterzugeben. Auf den Exkursionen erleben wir eine vielfältige, bunten Gartenkultur, wirklich alte Lauben und begehen einen Miniaturbunker auf dem Stadtwerder. In der Waller Feldmark kommen wir an bewohnten Kaisenhäusern und der Fleetkirche vorbei und erkunden den besonderen Charme des Gebietes. Mit großem Vergnügen berichte ich dabei von der Gegenwart und den bewegten Geschichte beider Gebiete. Und wer Lust hat, sich einmal intensiver mit dieser überraschend spannenden Geschichte zu beschäftigen, hat die Möglichkeit, einen Bildungsurlaub mit Exkursion zu buchen. Termine sind direkt auf der website der VHS zu finden und über mein dortiges Porträt. Anmelden kann man sich auch über diese Seiten oder telefonisch unter 0421-361-12345.

dieGlucke: Vielen Dank für die interessanten Eindrücke, historische Forschung kann doch sehr lebendig sein! Viel Erfolg für Deine weitere Arbeit!                                                  

Kirsten Tiedemann: Die vielseitige Arbeit als Historikerin bringt wirklich Vergnügen. Dank dir! Und viel Erfolg für dieGlucke!

Kontakt: kirsten.tiedemann@gmx.de

Das Buch von Kirsten Tiedemann „Mehr als ein Dach über dem Kopf – Bremens Kaisenhäuser“ hat die ISBN 978-938795-39-2 und ist zum Preis von 16,90 Euro im Buchhandel und beim Weser-Kurier in der Martinistrasse erhältlich.

6 Kommentare

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  2. Brigitte Blume Müller sagt

    Super ,wie schön wäre es, wenn die Kaisenhäuser weiter anerkannt
    wären. Eine inspirierende Vorstellung .
    Liebe Grüße
    Brigitte

    • dieGlucke sagt

      Ja, sie sind Teil der Bremischen Geschichte und das sollte die Politik berücksichtigen! Ein Tipp: Demnächst stellen wir hier wieder Touren durch Kleingartenanlagen vor, in denen noch etliche Kaisenhäuser zu bewundern sind.

    • dieGlucke sagt

      Wie du, Bernd, freut sich dieGlucke mit Kirsten Tiedemann über diese besondere Anerkennung ihrer Arbeit!

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