bremerWelt: Kaisenhäuser und ihre Geschichte

© Verein Kaisenhäuser / Parzelle mit Gartenhaus 1930er Jahre

Kleingartenanlagen haben in Bremen Tradition, wie gut, denn in der ausgebombten Stadt der Kriegs- und Nachkriegszeit konnten so sehr viele Menschen in den Gartenbuden und Lauben eine Notheimat finden. Doch dabei sollte es nicht bleiben, die Bewohner bauten ihre kleinen Butzen weiter aus und zogen auch nach dem Krieg das Wohnen im Grünen nahe der Stadt dem Leben in einer Wohnung vor – obwohl es eigentlich verboten war. Wegen der akuten Wohnungsnot in Bremen – 61 Prozent des Wohnraums war zerstört – hatte der damalige Bürgermeister Wilhelm Kaisen ein Einsehen und verfügte zwischen 1945 und 1949 eine Ausnahmegenehmigung, die Menschen konnten in ihren deshalb so benamten „Kaisenhäusern“ wohnen bleiben.

Jeder Zehnte in Bremen nutzte die Do-it-yourself-Baukultur

Und die Menschen blieben auch danach in ihren stetig wachsenden Häuschen: 1952 lebten mindestens 50.000 Bremer in den Parzellengebieten, das war jeder zehnte Einwohner! Diese ungeplante Stadtentwicklung von unten entlastete zwar die Stadtverwaltung angesichts der massiven Wohnungsnot erheblich, trotzdem blieb sie den Verantwortlichen immer ein Dorn im Auge und die Bewohner wurden mit empfindlichen Strafen belegt. Kirsten Tiedemann, Bremer Historikerin, hat die, wie sie sagt, „Do-it-youself“- Baukultur in den Parzellengebieten erforscht und den unermüdlichen Einsatz der Parzellenbewohner zur Verbesserung ihrer Lebensumstände dokumentiert.

Über drastische Strafmaßnahmen und hartnäckige Parzellisten

Und sie hat sich genau über den teils drastischen Einsatz von Politik und Verwaltung gegen die Bewohner der Kaisenhäuser informiert – Zwangsgelder in Höhe eines Monatslohns und Gerichtsverfahren gab es zuhauf –, und die Teilerfolge, die die Bewohner in dem über fünf Jahrzehnte dauernden Konflikt um ihre Wohnkultur errangen, dokumentiert. In einem Vortrag berichtet sie am Samstag, den 10.November um 11 Uhr im Haus der Wissenschaft, Sandstraße 4/5, von ihren Erkenntnissen und zeigt anhand bestechender historischer Fotos und Pläne, wie sich das Leben auf der Parzelle entwickelt hat.

 TiedemannBauvon Hörsten1949

Ein Stück Bremer Geschichte wird zurückgebaut

Übrigens: Nach jahrzehntelangem Streit und einer erneuten Wohnwelle in den 1970er Jahren gibt es mittlerweile den Kompromiss, dass Bewohner, die vor 1974 zugezogen sind, ein so genanntes Auswohnrecht in Anspruch nehmen können. Doch damit gelten mit einem Pächterwechsel die Regelungen der Kleingartenanlagen mit einer begrenzten Wohnfläche. Was für Neupächter bedeutet, die oft pittoresk gewachsenen Kaisenhäuser zurückzubauen. Und für die Bremer Geschichte einen Verlust an gewachsener Kultur.

Die Bremer Kaisenhäuser bieten Stoff genug für viele Bücher – Kirsten Tiedemann hat das erste geschrieben: Bremens Kaisenhäuser – Mehr als ein Dach über dem Kopf, erschienen im Verlag Bremer Tageszeitungen AG als Band 16 der Schriftenreihe des Bremer Zentrums für Baukultur. dieGlucke meint: Ein Stück Bremer Geschichte für alle!

dieGlucke hat bereits über schöne Beispiele aus der Bremer Parzellen-Wohnkultur berichtet: Von Lauben und Kaisenhäusern.