dieBremerin: Tami Oelfken, Blumenthaler Schriftstellerin

In Bremen gab und gibt es viele Frauen, die als Politikerinnen, Literatinnen, Lehrerinnen, Frauenrechtlerinnen oder Unternehmerinnen eine bedeutsame Rolle innehatten und haben. dieGlucke stellt in Kooperation mit dem Bremer Frauenmuseum in loser Reihe bedeutende Bremerinnen vor, um den Stellenwert dieser Frauen für unsere Gesellschaft deutlich zu machen. Heute: Tami Oelfken, Schriftstellerin und Reformpädagogin.

Schriftstellerin, Reformpädagogin, idealistische Sozialistin: Tami Oelfken war eine unabhängige, emanzipierte Frau, die für ihre Überzeugungen stritt und auch durch wirtschaftliche Nachteile nicht davon abgebracht werden konnte. Die 1888 in eine gut situierte bürgerliche Familie geborene Blumenthalerin – der Vater arbeitete in leitender Stellung als Kaufmann bei der Bremer Wollkämmerei –, beobachtete sehr genau die fortschreitende Industrialisierung mit ihren Folgen für das ehemalige kleine Fischerdorf, wie die steigende Umweltzerstörung sowie die ärmlichen Lebensbedingungen der meist aus Polen zugezogenen Arbeiterinnen und Arbeitern. Später sollte sie diese autobiografischen Erlebnisse in ihrem wohl bekanntesten Buch „Maddo Clüver“ verarbeiten. Ihr Heimatort hat sie dafür lange Zeit geächtet, erkannte später jedoch ihre herausragenden Leistungen als Reformpädagogin und Schriftstellerin. Heute ist eine Grundschule in Blumenthal nach Tami Oelfken benannt.

Schon als junge Frau, nach Lehramtsstudium und einigen Jahren Berufserfahrung als Lehrerin, orientierte sie ihren Unterricht an den Bedürfnissen der Kinder und interessierte sich sehr für die psychologischen und pädagogischen Reformideen der Bremer Pädagogen Heinrich Scharrelmann und Fritz Gansberg. Auch mit Heinrich Vogeler und seinen Worpsweder Freunden war sie gut bekannt. Tami Oelfken war so sehr von dem politischen und geistigen Ideengut der Barkenhoffgruppe beeindruckt, dass sie 1918 dem Spartakusbund beitrat. 1922 quittierte sie den Staatsdienst in Bremen. Sie war überzeugt, dass die bestehende Staatsschule den Erfordernissen einer zeitgemäßen und sozialen Erziehung nicht entsprach.

Eine eigene Reformschule

Sie ging nach Berlin und nahm, wieder als Lehrerin arbeitend, aktiv am Spandauer Schulkampf gegen Prügelstrafe und Gebetserlass teil. Später unterrichtete sie an der russischen Schule in Berlin und veröffentlichte nun erste pädagogische Arbeiten zu Fragen der Grundschularbeit und der Schulreform. Schließlich erhielt Tami Oelfken 1928 vom Schulamt die Erlaubnis, eine eigene Reformschule inklusive einer „Elternschule“ in Seminarform zu gründen. Sie finanzierte ihre Schule aus eigenen Mitteln. Trotz zunehmender politischer Radikalisierung in Deutschland arbeitete sie bis 1933 erfolgreich, und viele Kinder aus Linksintellektuellen-, Verleger-, Schriftsteller- und Künstlerkreisen waren Schülerinnen und Schüler ihrer Schule. In dieser Zeit veröffentlichte sie ihre ersten Kinderbücher, „Peter kann zaubern“ (1931) und „Nickelmann erlebt Berlin“ (1932).

Nach der Machtergreifung lösten die Nationalsozialisten ihre Schule auf, und Tami Oelfken erhielt als Pädagogin Berufsverbot auf Lebenszeit. Sie verließ Deutschland, um in Paris und später in London ihre Schule mit Kindern von Emigranten wieder aufzubauen. Doch diese Versuche wusste die Gestapo auf bürokratischem Wege immer wieder zu vereiteln. Die daraus erwachsene materielle Not zwang die Pädagogin 1939, wieder nach Deutschland zurückzukehren. 1940 schrieb sie ihren ersten Roman „Tine“, der später unter dem Titel Maddo Klüver veröffentlicht wurde. Hellsichtig warnte sie vor den Folgen einer rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Umwelt. 1942 erschien ihr Buch „Die Persianermütze“ (späterer Titel: „Traum am Morgen“).

„Du sollst nicht schweigen“

Da ihre Werke der nationalsozialistischen Ideologie nicht entsprachen, wurden ihre Bücher beschlagnahmt. Tami Oelfken wurde aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen. Sie erhielt nun auch Schreibverbot auf Lebenszeit. In den folgenden Jahren wechselte sie ständig ihren Wohnsitz, um Bespitzelungen zu entgehen und arbeitete unter Pseudonymen für deutsche Zeitungen im Ausland. Während dieser Zeit schrieb sie konsequent in ihrem Tagebuch. Die Aufzeichnungen veröffentlichte sie später unter dem Titel „Fahrt durch das Chaos. Logbuch vom Mai 1939-1945“. Nach 1945 erschienen sechs weitere Werke von ihr, doch die Hoffnung auf Rehabilitierung der Reformpädagogin und Schriftstellerin nach der Befreiung erfüllte sich nicht. Als sich Tami Oelfken 1951 in der Zeit des kalten Krieges mit anderen namhaften Autoren für eine Ost-West-Verständigung einsetzte, bezeichnete die Wochenzeitung „Die Zeit“ sie 1951 als Kommunistin mit gefährlichen pazifistischen Ideen. Man erklärte sie wieder einmal zur Staatsfeindin. Ihre materielle Grundlage wurde durch diesen Rufmord ebenso gründlich vernichtet wie im Nazi-Deutschland. Seither gehört sie bis in die jüngste Zeit zu den ignorierten Autorinnen der Nachkriegszeit. „Du sollst nicht schweigen…“ – was Tami Oelfken das 11. Gebot nannte – lautete die Überschrift des Schlusskapitels eines nicht mehr veröffentlichten Buches. Tami Oelfken, die idealistische Sozialistin, verbrachte ihre letzten Lebensjahre an der Grenze des Existenzminimums lebend, in Überlingen am Bodensee und starb 1957 nach einer Operation in München.

Mehr über das Bremer Frauenmuseum auf der Website.

2 Kommentare

  1. Gorn, Detlef sagt

    Hallo liebe Glucke,

    schöner gefühlvoller Bericht über unsere Blumenthalerin – hat mir gefallen. Bleibt noch zu klären, wer den Rufmord nach dem Krieg inszinierte. Bedenkt man, dass diejenigen, die während der Naziherrschaft „Recht“ sprachen, nach der Befreiung wieder in Amt und Würden saßen, überhaupt kein Interesse an einer „Wiedergutmachung“ haben konnten. Wer stellt sich schon gerne selber an den berüchtigten Pranger? Dem galt es vorzubeugen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass kein Blumenthaler Tami Oelfken auf ihren letzten Weg begleitet haben soll . . .
    Daher hat mir dieser Bericht als Blumenthaler Demokrat gefallen . . .

    Herzliche Grüße – auch an alle „Nichtblumenthaler“

    Detlef Gorn
    Vorsitzender Förderverein Kämmereimuseum Blthl. e. V.

    Der Bau der Bremer Woll-Kämmerein wurde in Tami Oelfkens Buch „Maddo Clüver“ ausführlich beschrieben. Beiden widmete der Verein seine erste große Ausstellung im Rahmen des ZZZ-Events „Palast der Produktion“ im ehemaligen Wollsortiergebäude der BWK.

  2. dieGlucke sagt

    vielleicht ist der Sommerurlaub eine gute Gelegenheit Tami Oelfkens Werke zu entdecken… dieGlucke legt sich schon mal „Maddo“ neben die Hühnerstange!

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