Kioskkultur am Werdersee mit Dat Küken

© giraffentoast/schwankhalle

Wenn Kultur zu den Menschen kommt

Schon seit Jahren verfolgen die umtriebigen Kulturwerker_innen der Schwankhalle um Anja Wedig die Idee, Menschen mit ihrer Kunst dort abzuholen, wo sie leben. Kunst-Freiraum-Stadt nennt sich das Konzept, aus dem auch das legendäre Kioskfestival um HuckelRita hervorgegangen ist, bei dem im Oktober 2011 der altersschwache Kiosk am Werdersee/Höhe Deichschart mit Lesungen, Stand-up-Paddeln und Insektenmenü kurzzeitig (wieder)belebt worden war (über die Zukunft von HuckelRita hat dieGlucke hier berichtet). Am kommenden langen Wochenende geht die Kiosk-Idee in die nächste Runde, es erblickt der mobile Kiosk „dat Küken“ mit umfangreichem Kulturprogramm die Welt. Er soll – als einer der letzten seiner Art – sich selbst als quasi überholtes, sterbendes Kulturgut feiern, nur konsequent, dass er in einer Sprache benannt wurde, die ebenfalls am Aussterben ist.

Plüschappel für Pfirsich

Auch im Kiosk wird auf Platt gesnackt, um der schwindenden Sprache wieder mehr Gehör und Aufmerksamkeit zu verschaffen. Deshalb kann, wer mag, sich eine Patenschaft für ein plattdeutsches Wort kaufen, ist dafür verantwortlich, dass dieses Wort weiterhin im Sprachgebrauch bleibt. Janine Claßen, künstlerische Leiterin des Projekts, wird tagsüber mit Kollegen Jan Fritsch als Kioskbetreiberin ihr bestes Platt bieten und baut darauf, dass Menschen ihren Wortschatz mit schönen Wortgebilden – wie zum Beispiel Plüschappel für Pfirsich – ergänzen. Beides, Patenschaft wie Wortspende bringt die Menschen ins Gespräch, animiert zum Nachdenken, stiftet Heiterkeit und Gemeinschaft. Auch fast vergessene, heidnische Rituale und Bräuche werden in Szene gesetzt, Performerin Cora Frost begrüßt damit den Frühling. Weitere kulturelle Angebote während des viertägigen Kiosk-Aufenthalts sind Lesungen, Musik, ein Flohmarkt und ein großes Picknick.

Kunst-Objekt oder Verkaufsraum? Beides.

Der Kiosk – so Kulturgeschichte und persönliche Erfahrung – ist ein Raum für Begegnung. Ein Kulturkiosk gibt über den kurzen Schwatz am Verkaufstresen hinaus kulturelle Impulse – bei „dat Küken“ dreifach. Erstens beim Verkauf mit Gesprächen über die nachhaltige Ware, der Schwankhalle-Kiosk hat nur fair gehandelte Snacks im Angebot. Zweitens über die Performance, die sich aus der Situation und dem kulturellen Angebot ergibt und drittens durch das Kunst-Objekt Kiosk, einer etwa drei Mal zwei Meter großen, schlicht gehaltenen Bude aus Metall, Holz und Plexiglas mit eiförmig abgerundetem Rückteil, der vielfältig bespielt werden kann. Die Außenhülle aus alten Zeitungs-Druckplatten wirkt wie künstlerisch verfremdet und bildet die jüngere Vergangenheit in Bremen ab, so sorgt der Kiosk selbst für Gesprächsstoff. Die freie Künstlerin Anja Fußbach hat ihn zusammen mit Tobias Lange entworfen und gebaut. „Er hat was von Favella, aber auch was Mediterranes, kann von innen oder außen bespielt werden (durch die Scheiben und über die Theke hinweg ist der Blick nach innen wie außen frei), ist widerstandsfähig und kann durch sein Stecksystem unendlich oft auf- und wieder abgebaut werden.“ Die nächsten Termine für einen mobilen Einsatz sind auch schon geplant, im Juni und September gibt es weitere Anlässe für Kultur im bzw. am Kiosk. Für passende Events können die Theaterleute samt Kiosk auch gebucht werden.

Huckel-Rita und dat Küken

Und wie ist das jetzt mit dem Verhältnis zwischen Huckel-Rita und „dat Küken“? Auf das Vorgänger-Projekt sieht Anja Wedig zwar mit etwas Wehmut, betont aber, dass „dat Küken“ keine „allergische Reaktion“ zum Kioskbetrieb am Deichschart sei (den der Bremer Beschäftigungsträger bras übernimmt). „Mit dem von der Stadt Bremen gewünschten klassischen Verkaufskiosk wird es nicht gelingen, den Menschen einen nachhaltigen Ansatz im Verkaufs-Konzept nahezubringen. Bei unserem Kiosk werden wir auf nachhaltige und fair produzierte Produkte im Verkauf achten und vertreten das im Gespräch mit den Menschen, werden das über den eingebundenen kulturellen Aspekt begründen und somit mehr bei den Konsumenten bewirken.“ Nachhaltiger Konsum und nachhaltiger Kulturansatz, davon kann gerade Bremen, als Hauptstadt für fairen Handel, mehr gebrauchen, meint dieGlucke und wünscht sich noch viele weitere Kultur-Küken.

Das Programme fürs Kulturevent „Dat Küken“ finden Sie bei dieGlucke hier.

Die Gesichter hinterm Kiosk-Projekt von links nach rechts: Anja Wedig, Janine Claßen und Anja Fußbach.

©dieGlucke

 

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