Urban Gardening IV: Idee für eine grüne Stadt

Urban gardening – ein grüner Trend weht durchs Land. Immer öfter zieht dieses Stichwort die Aufmerksamkeit auf sich. Was steckt dahinter? In einer Mini-Serie spürt dieGlucke dem Trend in und um Bremen nach, Sie lesen von kulturellen und soziologischen Aspekten, farbenfrohen und farbenbringenden Samenpaketen, können forschen und aktiv werden. Heute: Was sagt die Soziologin zu Urban gardening? 

Es ist ein Wandel, der sich anbahnt. Ein neuer urbaner Lebensstil tut sich auf. Soziologin Christa Müller erforscht seit Jahren den Trend zum „Urban Gardening“, der Wiederkehr von mehr Natur in die Städte. Sie hat herausgefunden, dass dieses neue Stadtleben sich nicht aufs Gärtnern beschränkt, es wird aus vielfältigen Zutaten gemixt: neue Wohlstandsmodelle, Stadtökologie,Teilhabe, interkulturelle Begegnung und sinnvolle Beschäftigung. Und immer wichtiger wird die Begegnung mit der lebendigen Natur, ein anderer Umgang mit Zeit und Raum. Gärtnern als ideale Beschäftigung, um sich selbst näher zukommen und das Hier und Jetzt ganz direkt wahrzunehmen. Im Garten kann jeder die grundlegenden Zusammenhänge des Lebens verstehen und sich beim Säen, Ernten, Kochen und Konservieren quasi, wie Christa Müller analysiert, „einem Reality Check der Bedingungen, unter denen wir leben, unterziehen“. Dabei geht es auch um eine Gegenbewegung zur maximalen Ökonomisierung und um ein freches Reklamieren des öffentlichen Raums für das Gemeinwohl. Wobei es nur ein Aspekt ist, farbenfroh und halblegal Kürbisse, Lavendel und Sonnenblumen auf Brachen und Verkehrsinseln zu pflanzen, es geht auch um die Aspekte des Sich-Selbst-Versorgens, Subsistenzwirtschaft genannt.

Wenn Menschen beginnen, wieder ihre Lebensmittel selbst anzupflanzen, sich dem Konsum zu verweigern und das ökonomische Wachstum mit Eigenanbau in Frage zu stellen, zeigt das laut Müller, dass die Grenzen des westlichen Lebensstils erreicht sind. So genannte weiche Eigenschaften und Kenntnisse sind gefragt, Selbermachen und kreatives Upcycling gehören zum Trend dazu. Immaterielle Werte wie Zeitwohlstand, Nachbarschaft und Gemeinschaft werden immer wichtiger. Diese „sozialen Innovationen“zeigen, dass der Weg in die so genannte postfossile Gesellschaft (das Zeitalter nach dem Aufbrauchen der Öl- und Gasreserven der Erde) eine Neuorientierung und wie Müller sagt, „ungeahnte Perspektiven offerieren“. Das Paradebeispiel in Deutschland ist der Prinzessinengarten in Berlin, wo sich eine 6.000 Quadratmeter große Brachfläche in eine blühende und gedeihende Landschaft verwandelte, mehr als 150 engagierte Menschen beleben die Fläche mit ihren Initiativen, die über den reinen Gemüseanbau hinausgehen und in Nachbarschaftshilfe und Bildung münden: alte Gemüsesorten werden angebaut oder Honig selbst geimkert. Da der Boden nicht gesichert schadstofffrei ist, werden alle Gemüse in lebensmittelechten Säcken oder Kisten, quasi im Hochbeet angebaut, da die Nutzung der Flächen zeitlich nicht gesichert ist, gilt hier Mobilität als ein Merkmal städtischer Landwirtschaft.

Es gibt in vielen anderen Städten Deutschlands weitere Initiativen für urbanes Gärtnern,zum Beispiel in Leipzig, München, Dessau oder Göttingen. Bremen, als eher grün wahrgenommene Stadt mit über 100 Kleingartenvereinen und deren mehr als 17.000 Organisierten, ist traditionell stark im städtischen Gärtnern. Daneben laufen  zwei Internationale Gartenprojekte in Tenever und in Walle mit ihrem integrierenden Ansatz. Eine besonders spannende Entwicklung nimmt Urban Gardening dort, wo die Städte stark verbaut sind, in Mega-Städten wie Buenos Aires oder New York. Hier beackern die Gärtner konsequenterweise ganze Hausdächer und beliefern Küchen mit dort gezogenen Karotten und Paprika. Verrückt? Nein, ein realistischer Blick in die Zukunft.

Mehr dazu in diesem Video (6 Min.)

Weitere Artikel zur Mini-Serie:

Urban gardening I: Internationaler Garten Walle

Urban gardening II: Samenbox

Urban gardening III: Frühlingsforscher bei arte